Neun Tschetschenen nach Massenschlägerei auf die Straße gesetzt

14. August 2003, 17:57
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Ermittlungen nach Schlägerei weiter im Gang - Weiterer Tatverdächtiger ausgeforscht

Traiskirchen - Besani versteht die Welt nicht mehr. Der 20-jährige Tschetschene flog nach der Massenschlägerei vom Samstag aus dem Flüchtlingslager. Und mit ihm acht weitere Männer. Dabei befand er sich zum Zeitpunkt der wilden Rauferei gerade auf dem Heimweg aus Wien.

"Als ich in Traiskirchen ankam, haben sie mir sofort alle Dokumente und die Lagerkarte abgenommen", sagt Besani. Noch bevor er überhaupt erfuhr, dass einer seiner Landsleute tot war, stand er praktisch schon auf der Straße. Ohne Chance auf Richtigstellung, ohne die Möglichkeit der Rechtfertigung.

Von der Diakonie betreut

Neun Tschetschenen sitzen nun buchstäblich auf der Straße. In einer Außenstelle der Diakonie, nahe des Bahnhofs, werden sie psychologisch betreut. Trotz der tristen Lage hoffen sie weiterhin, dass die Wahrheit noch rechtzeitig ans Tageslicht kommt. Mit Gewalt will Besani nichts zu tun haben, vor ihr ist er ja schließlich geflohen: "Wir Tschetschenen warten einfach nur auf den Tag, an dem wir uns bei Österreich einmal bedanken können."

Seit September 2002 ist er nun in Österreich und würde sich nichts sehnlicher wünschen, als hier zu leben, vielleicht einmal auch zu arbeiten - wenn man ihn lässt. Für sein Alter und für die Situation, in der er sich befindet, wirkt Besani ausgesprochen besonnen und ruhig. Kein Wort des Vorwurfes an die Adresse der Behörden, kein Anzeichen von Wut. Nur Enttäuschung und Ratlosigkeit.

"Es hat uns niemand angehört", erzählt der junge Mann, der dem brutalen Bürgerkrieg in seinem Land gerade noch entkommen war. Ein Freund, der ebenfalls nach der Massenschlägerei ins Lager zurückkehrte, wollte den Verletzten helfen. "Ihm hat man gedroht, dass er ins Gefängnis kommt, wenn er so etwas noch einmal tut."

Weiterer Tatverdächtiger ausgeforscht

Im Zuge der Ermittlungen zum Tod eines 24-jährigen Tschetschenen bei einer Massenschlägerei im Flüchtlingslager Traiskirchen (Bezirk Baden) am Samstagabend wurde auf Grund von Zeugenaussagen ein weiterer Tatverdächtiger ausgeforscht. Damit befinden sich derzeit vier Moldawier in U-Haft in Wiener Neustadt, so Major Klaus Preining von der Kriminalabteilung Niederösterreich (KA NÖ).

Kleidungsstücke als Beweise sichergestellt

Auf der Suche nach Sachbeweisen dafür, wer dem 24-Jährigen die tödlichen Schläge gegen den Kopf versetzt hatte, wurden Kleidungsstücke von an der Schlägerei Beteiligten sichergestellt, um mögliche Blutspuren auszuwerten. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf dieses schwerste Delikt, darüber hinaus werden laut Preining etliche Anzeigen wegen Raufhandels folgen. Zwei Moldawier, die sich wenige Stunden nach dem Tumult bei einem (von der deutschen Betreuungsfirma European Homecare durchgeführten) Transport im Raum St. Pölten abgesetzt hatten, wurden inzwischen nach Traiskirchen zurück gebracht.

Rund 40 moldawische Staatsangehörige sind in Konsequenz der Ereignisse ins Flüchtlingslager Thalham (Oberösterreich) transferiert worden. Zu Gerüchten, denen zufolge in Traiskirchen untergebrachte Tschetschenen nach dem Vorfall untergetaucht seien, wusste der Kriminalbeamte nichts. Er verwies diesbezüglich auf die täglichen Lager-Kontrollen. Wer sich dabei nicht meldet, wird aus der Bundesbetreuung entlassen, d.h. er verliert Kost und Logis, aber nicht seinen Status als Asylwerber. Eckhard Wilcke von EHC erklärte dazu auf Anfrage, dass niemand "verschwunden" sei. Asylwerber dürften sich aber frei bewegen. (APA/red)

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