Das Wirtschaftsverbrechen geht um

14. August 2003, 14:42
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Studie: Immer mehr heimische Unternehmen sind Opfer von Delikten - Unterschlagung und Diebstahl führen Hitliste an - Österreich bei Korruption im Vergleich top - mit Download

Wien - 43 Prozent der österreichischen Unternehmen waren in den vergangenen beiden Jahren Opfer von Wirtschaftsdelikten, geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens PriceWaterhouseCoopers (PwC) hervor. Österreich liegt damit merklich über dem westeuropäischen Durchschnitt von 34 Prozent. Dieser Wert hat sich in den vergangenen beiden Jahren deutlich erhöht: Vor zwei Jahren gaben nur 20 Prozent der heimischen Unternehmen an, von Wirtschaftskriminalität betroffen zu sein. Weltweit waren 37 Prozent der Firmen Opfer von Wirtschaftsverbrechen.

Globaler Anstieg

Weltweit ist aber auch die Anzahl der aufgedeckten Delikte gestiegen: In Westeuropa von 28 auf 34 Prozent, in Mittel-/Osteuropa von 28 auf 37 Prozent. Die meisten Delikte nannten Unternehmen aus Nordamerika (41 Prozent) und Afrika (51 Prozent). Das sei weniger ein Indiz für einen absoluten Anstieg an Delikten, sagte Friedrich Rödler, Senior Partner von PwC Österreich, bei der Präsentation des neuen PwC European Economic Crime Survey 2003 am Montagabend in Wien, sondern vielmehr Anzeichen für eine "gesteigerte Sensibilität für Wirtschaftsdelikte und eine deutlich höhere Aufdeckungsquote".

Bei Korruption top

Wie im übrigen Westeuropa wird auch in Österreich die "Hitparade der Wirtschaftsdelikte" angeführt von Diebstahl und Unterschlagung, auf dieses Delikt entfielen in Österreich 50 Prozent der gemeldeten Fälle, in Westeuropa 65 Prozent. Dahinter folgen Fälle von "Cybercrime" (25 Prozent/Westeuropa: 19 Prozent) und Produktpiraterie (22 Prozent/Westeuropa: 15 Prozent). Mit 22 Prozent traten Fälle von Korruption/Bestechung in Österreich genau doppelt so oft auf wie im westeuropäischen Durchschnitt (11 Prozent). Das könnte laut Rödler mit vergleichsweise starken österreichischen Aktivitäten in den Nachbarländern zusammenhängen, wo "nützliche Abgaben" mitunter verbreiteter seien als hier zu Lande.

Eine vergleichsweise geringe Rolle spielen in Österreich "unrichtige Finanzberichterstattung"/Bilanzfälschung mit 6 (Westeuropa: 11) Prozent und Industriespionage mit 2 (5) Prozent. Fälle von Geldwäsche seien in Österreich diesmal gar nicht gemeldet worden, in Westeuropa entfielen darauf 5 Prozent der Wirtschaftsdelikte. Möglicherweise habe bei Bilanzfälschungen in Österreich die anderswo festgestellte Sensibilisierung noch nicht stattgefunden, vermuten die Studienautoren.

Strasser ist alarmiert

Diese Angaben decken sich laut Innenminister Ernst Strasser (V) relativ genau mit den behördlichen Fahndungsergebnissen. Im Bundeskriminalamt (BKA) beschäftigt sich seit einiger Zeit eine eigene Abteilung mit Computerverbrechen, die Aufklärungsrate sei damit deutlich gestiegen. Für die bessere Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität drängt Strasser auf verstärkte EU-weite Zusammenarbeit, was wegen unterschiedlicher Rechtssysteme nicht immer einfach sei.

Entdeckte Wirtschaftsverbrechen würden in vielen Fällen nicht gemeldet, um keinen Imageverlust zu erleiden und um nicht Mitarbeiter auf "dumme Ideen" zu bringen, falls sich etwa eine Führungskraft bereichert habe. Aufgedeckt werden in Österreich die meisten Fälle " 57 Prozent - durch einen Hinweis und nur vergleichsweise wenige durch interne oder externe Prüfungen (27 Prozent). Rund ein Drittel der Wirtschaftsdelikte kommt nur durch "Kommissar Zufall" ans Licht. Der Schaden beträgt durchschnittlich 2,2 Mio. Euro.

Mauer des Schweigens

Nur 52 Prozent der heimischen Unternehmen wollen jedes Delikt zur Anzeige bringen, zum Vergleich: in Westeuropa sind es 59, weltweit 63 Prozent. Die Angst vor Wirtschaftsverbrechen ist in Österreich überdurchschnittlich groß: 59 Prozent der befragten österreichischen Unternehmen befürchten, in Zukunft von solchen Verbrechen betroffen zu sein, in Westeuropa sind es nur 38 Prozent, weltweit 34 Prozent.

Bei den Daten handle es sich um die Spitze des Eisberges, über die vermutlich deutlich höhere Dunkelziffern könnten keine Angaben gemacht werden. Die Angaben sind laut PwC nicht repräsentativ, sondern beruhen auf selektiven Interviews. Weltweit wurden für die Studie Interviews mit Entscheidungsträgern von mehr als 3.600 Unternehmen in 50 Ländern durchgeführt. In Österreich wurden dafür rund 80 Unternehmen aus den 500 größten Betrieben ausgewählt. Die Studie hat PwC ohne konkreten Auftrag durchgeführt, man wolle damit auf die eigene Beratungskompetenz hinweisen. Die Kosten für Präventionsprogramme gegen Wirtschaftsdelikte bewegen sich je nach Leistungsumfang zwischen einigen 1.000 bis mehreren 100.000 Euro

Den "Fall Struzl" wollte Strasser auf Anfrage nicht eigens kommentieren. Immerhin habe die Finanzmarktaufsicht (FMA) ihre Funktionstüchtigkeit unter Beweis gestellt, erklärte Rödler. (APA)

  • Dunkle Gestalten, noch dunklere Absichten: In Österreich hat der Wirtschaftskriminelle beste Arbeitsbedingungen.
    montage: derstandard.at

    Dunkle Gestalten, noch dunklere Absichten: In Österreich hat der Wirtschaftskriminelle beste Arbeitsbedingungen.

  • PwC: Global Economic Crime Survey 2003 - Österreich

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  • PwC: Global Economic Crime Survey 2003 - Zusammenfassung

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