Eine Stunde Mädchenzeit im "Käfig"

11. August 2003, 20:10
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Der Spieß wurde umgedreht - und die Burschen vom Spielplatz ausgesperrt

Wien - Normalerweise ist Marijana Stefanovic ein nettes und umgängliches Mädchen. Nur leider, weiß die 17-jährige Schülerin, bringen Nettigkeit und Umgänglichkeit nichts. Etwa dann, wenn Marijana einmal auf die verwegene Idee kommen sollte, im "Käfig" auf dem Leipziger Platz Ball spielen zu wollen. Obwohl nirgendwo geschrieben steht, dass der Käfig nur für Burschen da ist.

Bloß: "Bitte" bringt bei einer Horde pubertierender Herren zwischen 14 und 22 Jahren nichts. Die Rangordnung ist klar: Große verjagen Kleine, und die Buben die Mädchen. Egal wo - nur dass halt dort, wo "bessere" Wohngegenden sind, meist auch mehr Platz ist und der Verdrängungsdruck geringer ist.

Die Gegend um den Leipziger Platz im 20. Bezirk ist jedenfalls keine "bessere" Gegend. Trotzdem, oder gerade deshalb, konnten Marijana und ihre Freundinnen Freitag vergangener Woche den Käfig bespielen - und die Buben mussten zuschauen: Die Sozialwissenschafterin Irmtraud Voglmayr hatte gemeinsam mit den Jugendarbeitern des Vereins "Backbone" einfach ein Schild gemalt, das den Käfig zur männchenfreien Zone erklärte.

"Die Burschen", fasste Voglmayr danach zusammen, "waren vor allem perplex". Viele hatten sich noch nie zuvor darüber Gedanken gemacht, ob oder wie der rare Spiel- und Sportraum anders als bisher gewohnt genutzt werden könnte. Und auch wenn es an blöden Meldungen nicht mangelte ("Erstens gibt es keine Damenbasketballliga, zweiten können Mädchen nicht Fußball spielen und drittens sagen Männer auch beim Sex, wo es lang geht", Rezi, 17, Schüler), sahen schließlich auch die stursten Herren ein, dass Räume und Rechte irgendwann auch in ihren Leben geteilt werden müssen. Ansatzweise zumindest.

Irmtraud Voglmayr und Marijana Stefanovic waren nach dieser ersten "Mädchenstunde" doch auch überrascht: Rezi und seine Freunde boten nämlich von sich aus an, den Mädchen ein paar Basketballtricks beizubringen. Und obwohl einige der Mädchen die Tipps gar nicht brauchten und sich hinter dem Angebot vielleicht doch eher Balz- denn Gleichheitsdenken verbarg, war das immerhin einmal ein Anfang. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.8.2003)

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