Blattsalat: Schamlose Deutsche und ihre Helfer

11. August 2003, 19:48
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Kolumne von Günter Traxler zur so heiklen Frage, ob die Österreicher im Allgemeinen Deutsche seien ...

In der so heiklen Frage, ob die Österreicher im Allgemeinen Deutsche seien und ob im besonderen Mozart Deutscher oder Österreicher gewesen sei, ist es für einschlägig Interessierte nicht immer leicht, zu einem klaren Urteil zu kommen. Das hiesige Zentralorgan für aufgeregten Patriotismus (Deutsche wollen unseren Mozart!) kennt kein Erbarmen, wo es gilt, den Kampf gegen "Bild" (Geigen die noch richtig? Österreicher wollen unseren Mozart klauen) aufzunehmen. Aber nur im redaktionellen Teil. Um auch jene Konsumenten des Blattes zufrieden zu stellen, die es in der so brennenden nationalen Frage eher mit der "Bild"-Zeitung halten - und nicht nur, wo es um Mozart geht -, räumt man ihnen die Leserbriefseite ein.

Da muss man noch froh sein, wenn sich einer zu der Kompromissformel durchringt: Mozart war Österreicher und Deutscher!, was klar sei für jeden, der das tut, was die "Krone" redaktionell partout nicht tun will, nämlich zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit unterscheiden. Für ganz schlau hält sich ein Hamburger, der mit demselben Argument, mit dem andere Mozart als Deutschen reklamieren, ihn zum Zwitter erklären möchte - aber nur, um die Tücke des ZDF zu verharmlosen, das kennen wir! Niemand will den Österreichern Mozart klauen, denn er ist legitim beides, Deutscher wie Österreicher, denn er war 1756 geborener Bürger des Römischen Reiches Deutscher Nation, in dem es allerdings weder eine deutsche noch eine österreichische Staatsbürgerschaft gab - durchschaut!

In kultureller Hinsicht ermutigend, in der nationalen Frage aber eher ausweichend bekannte ein Leser aus Mistelbach: Für mich sind Goethe und Schiller, ebenso wie Mozart und Haydn, Bestandteile meines Kulturkreises! Die Tendenz ist richtig: zurückschlagen! Da darf man nicht den ZDF-Geschichtsguru Guido Knopp larmoyant beschuldigen, er hätte auch in den Fällen Haydn und Freud vermutlich historische Argumente parat. Und höchstens wie eine Ablenkung wirkt es, wenn auf einmal die EU schuld sein soll: Und heute wird es unter der Devise "EU-Mitglieder san ma alle" erst recht multinational. Da gehört bald jeder mit dem Pass irgendeines europäischen Landes gleich "zu uns". Oder zu den Deutschen - die sind ja in solchen Fällen meist die Schnelleren. Unter diesen Umständen wird es künftig das Beste sein, wenn die Österreicher die Produktion von Genies einstellen - die anderen nehmen sie uns doch nur weg.

Nicht nur die Deutschen sind da schnell. Es war ein Wiener, der kategorisch feststellte: Die ganze Mozart-Diskussion ist wieder einmal überflüssig. Selbstverständlich ist Mozart Deutscher. Hätte man ihn gefragt, zu welchem Volk er gehöre, hätte er genau diese Antwort gegeben. Man darf allerdings diesen Deutschbegriff nicht mit den Bewohnern der heutigen Bundesrepublik Deutschland verwechseln. Gute Idee, aber sind es nicht eben diese, die sich den Komponisten nun unter den nationalen Nagel reißen wollen? Goethe war das jedenfalls kein Anliegen. Was Mozart auf keinen Fall war, ist Österreicher, wühlt der Leser in der patriotischen Wunde, denn als Mozart in Salzburg geboren wurde, gehörte Salzburg nicht zu Österreich . . . Mozart war Salzburger und Deutscher.

Nicht nur Mozart, gleich alle Österreicher gab eine Dame per E-Mail den Deutschen preis. Das ganze Getue könnte man sich in Österreich ersparen, wenn man sich der historischen Tatsache bewusst wäre, dass über 98 % der Österreicher darüber hinaus auch Deutsche (und Europäer) sind. Schließlich stellte das Haus Österreich über lange Zeit den Deutschen Kaiser. Einer aus diesem Haus sagte sogar einmal: "In meinem Reich geht die Sonne nicht unter." Sollte die "Krone" im Sinne dieser Argumentation nicht endlich für den Gedanken werben, dass die Europäer, aber ganz speziell alle Deutschen eigentlich Österreicher sind? Da würde denen das diebische Lachen rasch vergehen, und sehr bald wäre Schluss mit dem Skandal: Schamlos machen sich die Deutschen über uns Österreicher lustig.

Andere Völker lässt die "Krone" nicht so billig davonkommen wie die Deutschen mit ihrem Mozart-Dekret. Wenn es nicht bloß um österreichische Genies, sondern um die Benes-Dekrete geht, liefert das Blatt Klartext. Da wird einem Berufsgenealogen und Mitglied der sudetendeutschen Familienforschung die Einschätzung, was für ein eiterndes Geschwür mit der tschechischen Republik in die EU kommt, auch noch in den Titel seines einschlägigen Briefes gehoben.

Von ähnlicher Qualität war die private Ergänzung eines Lesers zur Biografie Ernest Hemingways. Als US-Kriegsberichterstatter in Europa hat er nämlich 122 deutsche Kriegsgefangene ermordet und sich seiner bestialischen Taten (Bauchschüsse etc.) auch noch gerühmt. Als ein Richter in Idaho 1961 diesen Fall aufgriff und Hemingway verhaften lassen wollte, entzog sich dieser seiner Strafe, indem er sich eine Kugel in den Kopf jagte. Der Beitrag der "Krone" dazu war der bekräftigende Bildtext: Enthüllende Kritik eines Leser an Ernest Hemingway.

Objektiv, wie das Blatt ist, brachte es aber auch die doppelte Gegenenthüllung des US-Botschaftsrates John Quintus. Hemingway hat im Ersten Weltkrieg niemanden getötet - er war Rettungsfahrer für die italienische Armee. Und ferner: Es ist richtig, dass Hemingway Selbstmord begangen hat - aber nicht mit "einer Kugel", sondern mit dem Doppellauf einer Flinte. Der Mann nimmt es genau. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2003)

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