Neue alte Nahost-Welt

18. August 2003, 10:27
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Angesichts der US-Schwäche im Irak melden sich die Extremisten wieder zu Wort - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Die gute Nachricht ist, dass die USA langsam einsehen, dass sie sich mit dem Irak, trotz des erfolgreichen Krieges, ein großes Problem eingehandelt haben - und Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Korrektur. Diese Korrektur tut weh, denn sie kommt dem Eingeständnis gleich, dass man sich überhoben hat: Um Löcher im Irak zu stopfen, müssen andere geöffnet werden, konkret in Afghanistan, wo im Grenzgebiet zu Pakistan vielleicht noch immer ein gewisser Herr Osama Bin Laden sitzt, der, im Unterschied zu Saddam Hussein, tatsächlich etwas mit den Angriffen am 11. September 2001 zu tun hatte.

Die schlechte Nachricht ist, dass die nach dem Irakkrieg einigermaßen gedämpften extremistischen Kräfte in der Region langsam wieder aufwachen: Die Hisbollah, von der man in den vergangenen Monaten so gut wie nichts gehört hat, hat in Nordisrael zugeschlagen. Die Eskalationsgefahr ist kalkulierbar: Zwar gab es sofort einen israelischen Gegenschlag gegen Hisbollah-Stellungen, und natürlich ist in Israel die Bereitschaft vorhanden, syrische Ziele im Libanon oder sogar in Syrien, wo die Hisbollah-Sponsoren sitzen, anzugreifen. Aber ein "Syria next" der USA, etwas, das man nach dem Irakkrieg zumindest militärisch für möglich gehalten hatte, ist nicht nur kurzfristig vom Tisch.

Die schlechteste Nachricht, von US-Verwalter Paul Bremer nonchalant präsentiert, ist aber, dass die USA im Irak ein Problem mit wahhabitischen Kräften haben, also jenen, die der Irakkrieg eindämmen helfen sollte: Die Ansar al-Islam, die vor dem Krieg im kurdisch-autonomen Gebiet ein kleines Reich im Taliban-Stil beherrschten, sollen hinter dem Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad stehen, dem bisher schlimmsten der Besatzungszeit.

Zwar wurde vor dem Krieg versucht, Verbindungen zwischen Saddam und Ansar-Chef al-Zarqawi zu konstruieren; die Beweise dafür waren fast noch schwächer als die für die irakischen Massenvernichtungswaffen, und das will etwas heißen. Ob die von Saddam im Irak früher verfolgte extreme Wahhabiya nun tatsächlich eine Allianz mit den Saddam-Loyalisten geschlossen hat - eine Leistung des Irakkriegs - oder ob sie auf eigene Faust agiert: Die USA haben eine neue islamistische Terrorfront eröffnet.

Die sunnitischen Islamisten, die eine schiitische Dominanz fürchten, werden früher oder später auch ein innenpolitisches Problem im Irak sein, dessen verschiedene Gruppen auch schon so schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Das Chaos dominiert nicht nur die Straßen, sondern auch die politische Entwicklung, angesichts der Probleme werden Zweifel laut, ob man den Irak überhaupt zusammenhalten können wird - aber die Idee der Zerschlagung des Irak ist bei einigen Superfalken ohnehin latent vorhanden.

Der Irakkrieg wurde geführt, um eine Neuordnung der Region einzuleiten, am Ende des Tages könnte sie jedoch ganz anders aussehen, als es zumindest Präsident George Bush geplant hat. Im Moment regiert die Ratlosigkeit, das Alte funktioniert nicht mehr wirklich, das Neue noch nicht: Mit den traditionellen Verbündeten weiß man im Moment nicht so recht umzugehen, die Beziehungen zu Saudi-Arabien sind schwierig - dennoch bleibt es unverzichtbar, und zwar noch für lange Zeit. Besonders fällt die Marginalisierung Ägyptens auf: Wegen Überlastung der US-Truppen wurde nun auch "Bright Star" abgesagt, wichtige Militärmanöver, die alle zwei Jahre in US-ägyptischer Kooperation stattfanden.

Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass bei der Absage auch Liebesentzug im Spiel sein könnte. Wer indes glaubt, das habe etwas mit einer "Moralisierung" der amerikanischen Politik zu tun - die USA wollten ihre Kooperation mit undemokratischen Regimen wie dem ägyptischen einschränken -, der irrt: Die US-Regierung ist vor allem verärgert, weil Kairo aus einer Klage gegen die EU wegen des Banns von Genprodukten ausgestiegen ist. Neue alte Nahost-Welt.(DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2003)

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