Geeint im Hass auf den Präsidenten

12. August 2003, 21:01
posten

Beide liberianischen Rebellengruppen stehen in Sachen Brutalität den Regierungstruppen um nichts nach

Wien – Ein Ziel eint die beiden großen Rebellengruppen in Liberia: Sowohl die Lurd ("Vereinigte Liberianer für Versöhnung und Demokratie") als auch die Model ("Bewegung für Demokratie in Liberia") wollten Präsident Charles Taylor um jeden Preis loswerden. An Brutalität stehen sie jedenfalls den Kämpfern Taylors in nichts nach, die sich aus seiner früheren Miliz, seiner Leibgarde sowie Resten der liberianischen Armee zusammensetzen.

Die Lurd als größte Rebellenbewegung Liberias versuchte seit 1999, Taylor zu stürzen. Konkrete politische Vorstellungen für die Zeit danach hat sie nicht. Präsident des Nationalen Exekutivkomitees, der politischen Führung, ist Sekou Damate Conneh, der den Krieg in Liberia lange Zeit aus der Sicherheit seines Domizils in Rom dirigierte.

Einer seiner Stellvertreter ist Chayee Doe. Als jüngerer Bruder des früheren liberianischen Präsidenten Samuel Doe, der 1990 auf Betreiben Taylors bestialisch zu Tode gefoltert worden war, hat Chayee seine ganz persönliche Rechnung mit dem alten Staatschef zu begleichen.

Unterstützt wurde die Lurd bisher vom muslimisch dominierten Nachbarland Guinea, das Taylor in der Vergangenheit stets zu destabilisieren versuchte. So ist Sekou Conneh mit einer wichtigen "spirituellen Beraterin" des todkranken guineischen Staatschefs Lansana Conte verheiratet, der sich Ende 2003 einer Wahl stellen müsste. Auch innerhalb der Lurd ist der Islam vorherrschend. Sie wird deshalb auch via Arabische Emirate mit Waffen und sonstigem Nachschub versorgt. Auch das benachbarte Sierra Leone unterstützte die Lurd und bot Rückzugsräume.

Die rund 7000 Lurd-Kämpfer gehören zu zwei Dritteln dem Volk der Mandingos an, das restliche Drittel rekrutiert sich aus den Ethnien der Krahn und der Gio. Zwischen diesen drei Völkern gibt es schwere Spannungen, hier zeigen sich erste Bruchlinien innerhalb der Lurd.

Die Model-Truppe Die rund 3000 Kämpfer der Model-Rebellen, die von mehreren Warlords geführt werden, griffen erstmals im März 2003 entlang der Grenze zum Nachbarland Elfenbeinküste an. Die Model wurde zuerst für eine Splittergruppe der Lurd gehalten, beide Bewegungen weisen dies jedoch von sich. Model, deren Kämpfer mehrheitlich dem Volk der Krahn angehören, wird von der Elfenbeinküste unterstützt und kontrolliert inzwischen den Südosten des Landes mit den wertvollen Regenwaldgebieten sowie mit der Stadt Buchanan den zweitgrößten Hafen des Landes. Auch die Model-Kämpfer, die sich Christen nennen, sind für ihre Brutalität berüchtigt.

Zuletzt gab sich die Model- Truppe betont kämpferisch, was bedeuten könnte, dass die Elfenbeinküste durch die von ihr gesteuerten Rebellen ihren Einfluss in Liberia ausbauen oder zumindest nicht aufgeben will. Die Gefahr ist groß, dass Liberia damit zum Zentrum eines neuen regionalen Krieges werden könnte.

Zwischen der von Guinea und Sierra Leone unterstützten Lurd und der von der Elfenbeinküste unterstützten Model drohen Kämpfe um die Hauptstadt Monrovia, sollte nach Taylors Abgang das befürchtete Machtvakuum entstehen. Wenn die neue nigerianische Friedenstruppe, der sich Einheiten aus Ghana, Togo, Benin, Mali und Senegal anschließen sollen, dagegen eingreift, wären fast alle Länder Westafrikas an einem Krieg in Liberia beteiligt.(DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2003)

Von Gerhard Plott
Share if you care.