Flashmobs

24. Dezember 2003, 15:01
25 Postings

... müssten gegeißelt werden. Weil er es - also sie - nicht mehr aushalte. Schließlich spräche die ganze Stadt davon und er hoffe, dass endlich ...

Flashmob, sagte P. als wir neulich im Augarten saßen und dem Irrgelichter des Filmes zusahen, der zwar unter den Sternen gezeigt wird, aber aus unserer Perspektive eher das Prädikat "durch die Linden" verdienen würde. (P. behauptet jedenfalls, dass das Linden sind. Ich glaube ihm - schließlich endet mein gärtnerisches Fachwissen bei der Unterscheidung zwischen Baum und Strauch.) Flashmobs, meinte P. also, müssten gegeißelt werden. Weil er es - also sie - nicht mehr aushalte. Schließlich spräche die ganze Stadt davon und er hoffe, dass endlich einer aufstehe und sage, dass das erstens alt und zweitens boch'n und drittens unerträglich sei, weil er die Leute, die den heimischen Flashmobbern eine Webplattform zur Verfügung stellen, nicht leiden kann.

Denn auch wenn das jetzt auch von ihm kindisch sei, meint P., wäre es doch wirklich unerhört, dass, so P., eine Bande von im höchsten Sommer Krawatten tragenden WU-Absolventen, die eigentlich der Schüssel-Jugend angehören müssten, hier etwas angeblich frech-lustiges ermöglichen. Und die, schäumt P., während der Film durch die Linden lustige Lichtmuster auf sein sich immer mehr verzerrendes Gesicht zeichnet, würden sich mit etwas berühmen, das sie einfach ursupiert hätten. Denn wenn ich glaube, dass das Zur-Verfügung-Stellen von Webspace ein rein altruistischer Akt sei, hätte ich keine Ahnung von PR. Die Flashmobsache in Österreich, erklärte P. mit jener Stimme, die keinen Widerspruch duldet, sei das Tüpfelchen auf jenem I, mit dem ihn die Wannabe-Yuppies der nächsten IT-Blase nervten, seit die erste Bubble zerplatzt sei.

Kugelstoßen

Und, hob P. seine Petanquekugeln aus dem dunklen Staub zu seinen Füßen und spielte mit ihnen, wie weiland der Schreckliche Sven aus Wickie und den starken Männern, ich solle jetzt ruhig mit meinen blöden Argumenten daherkommen, und ihn auffordern, nicht bloß zu motschgern, sondern halt selbst den Webspace oder das Weblog für eine Gruppe von Halbwüchsigen mit zuviel Tagesfreizeit zur Verfügung stellen - er, drohte P., würde mich auch im Dunkeln treffen. Ich dürfe mir sogar aussuchen, an welcher Körperstelle und mit der wievielten Kugel.

Aber so gut traf er nicht. Und während P. zwischen den Bäumen nach seinen Kugeln suchte, und jammerte, dass es eine Zumutung sei, dass er nun wegen eines idiotischen Sommertrends seine teuren aus der Petanquekugelmanufaktur in der Provence angelieferten Wettkampfkugeln - und ich solle gefälligst nicht feig im Gebüsch hocken und deppert Boccia, Boccia rufen, er würde meine Ikea-Familiy-Kugeln schon noch an mich verfüttern, wenn ich wieder rauskäme - zwischen Hundstrümmerln im dunklen Wald suchen müsste, begann auch noch W. zu jammern.

Alter Hut

Die Kids, klagte er, sollten doch an Kreisky denken und gefälligst Geschichte lernen. Und nicht jedem Unfug Glauben schenken. Weil doch schon vor zehn Jahren die ersten XXX-Technofeste via Telefonhotline - es gab halt noch kein SMS - kommuniziert worden sind. Und illegale Raves würden seit Ewigkeit so promotet. Donnerstagsdemos und Anti-Globalisierungsproteste bedienten sich der selben Kommunikationsmethoden. Und P., sagte W., habe schon recht, wenn er der heutigen Jugend - W. sagte das Wort ohne sich zu verplappern, ob er rot wurde konnte ich aus meinem Versteck nicht sehen - unkritisches Spaßkulturgehabe attestiere, weil doch die selben Aktionen wie die der spaßgesellschaftlichen Flashmobber in einem andere Kontext, durchaus Beiträge zur Etablierung einer bewussten und aufrechten Zivilgesellschaft, die ...

Weiter kam auch W. nicht. Denn P. hatte seine Kugeln wieder beisammen und stürzte auf W. zu: Wenn er etwas nicht mehr ertragen könne, schnaubte er, wenn etwas noch schlimmer sei, als hirnlose Jugendliche, tobte er so laut, dass sich ein paar der Kino-über-den-Zaun-Gucker beschwerten - wenn er also, setze P. nach einem Fluch auf alles Kinopublikum der Welt kaum leiser fort, etwas noch weniger ertrage, als die Auswüchse der Spaßkultur, sei es das stetige Lamentieren über das Fehlen oder Entstehen oder Versagen oder sonst was der so genannten Zivilgesellschaft. Dieses Vokabel sei doch, wütete P. weiter, längst nichts anderes mehr, als das Rettungsfloß, die Krücke, das Ausgedinge, auf, an und in das sich eine fünf-, vielleicht halt auch zehnköpfige Schreiberseilschaft klammere, stütze und flüchte. Einen Haufen Langweiler, die einander im Feuilleton und auf den Kommentarseiten einer Handvoll Zeitungen seit dem ersten Schüsselkabinett tagein tagaus schriftlich und gegenseitig übermittelten, was sie einander ohnehin im kleinen, abgeschiedenen Kreis ihres Kaffeehauses täglich mehrfach - wenn sie nicht ohnehin zusammen lebten - an den Kopf werfen, diskutierten. Man möge, flehte P. zu den Sternen über dem Kino, ihn also verschonen. Sowohl mit dem zivilgesellschaftlichen Lamentovokabelschatz frustrierter Pflichtschulpädagogen (W. ist Lehrer), als auch mit den Proponenten der Szenerie. Da gehe er ja noch lieber Flashmobben.

Promi-Flashing

Ob er sich da wirklich und ganz sicher sei, fragte A. aus dem Halbdunkel. Denn in deutschen TV-Magazinen habe sie schon erste Anzeichen für das Unvermeidliche im Unerträglichen gesehen: Was Promis davon halten. Und wenn Dieter Bohlen, Jeannette Biedermann oder, noch schlimmer, der unsägliche Jürgen Drews schon zu Flashmobs befragt oder ebendort interviewt werden - A. fügte an dieser Stelle eine in Tonfall, Tempo und Wortwahl absolut authentische Instant-Reportage über Roberto Blanco und Verona Feldbusch als Promi-Flashmobber an - könne sie schon vorhersagen, was das Flappenheft demnächst wohl groß ins Sommerloch kippen werde: DJ Ötzi, Patrizia Kaiser, und die Starmania-Dodeln. Beim Flashmobben. Mit Rankings. Grafiken. Und halbnackten Mädchen ("So sexy flashen Austro-Girls").

P. stöhnte leise und legte sich in die Wiese: Zeit, dass der Sommer zu Ende gehe, meinte er. Nur die Lichtkringel, die sich vom Kino zwischen den Linden durch die Bäume zu uns durchschwindelten, meinte er, würde er im Herbst dann doch vermissen.

Nachlese

--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen


--> Freudenau
--> Marina
--> Nachtschwimmen
--> Marina
--> Happels Herzblut


--> Kaffeehausleiden, fortgesetzt
--> Blauklötze
--> Mariahilfer Straße, 7.02 Uhr
--> Roadrunner und Würstelmaus
--> Balkonien

--> Lifeballkarten
--> Kunstraub
--> In der Lagunenstraße
--> Banales Kreuzungsgeschehen
--> Der Mitesser

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien
--> Ein Geschenk

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Jede Woche auf derStandard.at/
Panorama

Nachlese

"Flash Mobs": Massen-Dada für das junge 21. Jahrhundert
Menschen treffen sich, um konzertiert für ein paar Sekunden harmlosen Unfug zu treiben, der Nichteingeweihte ratlos zurücklässt

  • Artikelbild
    derstandard.at
Share if you care.