Große Deutsche

22. August 2003, 16:25
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Die Deutschen wissen eben, wie man sich mitten im tiefsten Sommerloch seiner nationalen Identität ... - Von Günter Traxler

Die Deutschen wissen eben, wie man sich mitten im tiefsten Sommerloch seiner nationalen Identität versichert, um sich über das tiefe Konjunkturloch hinwegzutrösten, das nun schon so lange am einstigen Selbstbewusstsein nagt, die Besten zu sein. Man macht sich einfach an die Erstellung einer Liste "Unsere Besten", 300 große Deutsche aus zwölf Bereichen - und gleich hat man, wenn schon keinen Erkenntnis-, so doch den Lustgewinn, dass sich ein paar Ösis giften. "Deutsche wollen unseren Mozart!" heulte die Kronen Zeitung auf, wie ihr Boss sonst höchstens aufheult, wenn Deutsche seinen Sohn nicht wollen, nur weil das Zweite Deutsche Fernsehen seine Prominentenliste mit Wolfgang Amadeus Mozart, Josef Haydn und Sigmund Freud auffettete.

Da hätte man sich auch andere Reaktionen vorstellen können. Freude etwa, dass die Herren Heino, Roy Black und Dieter Bohlen nicht dem Volk, begnadet für das Schöne, entwendet werden mussten, sondern als auserwählte Zeichen bodenständig-deutscher Größe auf die nationale Hitliste gelangten. Oder einfach Stolz, dem Nachbarn mit ein wenig Größe aushelfen zu können, wie das auch in der Vergangenheit schon gelegentlich geschehen ist - unter dem Motto: Mir ham 's ja. Sogar beleidigt hätte man sein können, dass sich das ZDF auf der Jagd nach Beutegermanen nur so sparsam aus dem Topf österreichischer Genialität bedient hat. Was hätte sich da nicht alles für Deutschlands Ehre herausholen lassen, und wäre es auch zulasten von Thomas Gottschalk oder Götz von Berlichingen gegangen!

Kam Sigmund Freud auf die Liste, obwohl er in Böhmen geboren wurde? Dann hätte sich auch Gustav Mahler einen Platz darauf verdient, und Karl Kraus hätte dann vielleicht Peter Kraus verdrängt. Oder ist der Vater der Psychoanalyse einer der besten Deutschen, weil er, von (Nazi-) Deutschland vertrieben, in London als deutscher Staatsbürger starb? Dann wäre Bert Brecht freilich Österreicher.

Man sieht, bei Rankings dieser Art kommt es darauf an, zeitliche und geografische Grenzen so festzulegen, dass nationaler Ehr-Geiz möglichst viele Früchte trägt. Und natürlich darauf, wann so eine Ehrentafel erstellt wird. Man sollte zwar glauben, die Heroen einer Nation hätten einen stabilen Platz im Bewusstsein ihrer Glieder, aber ein Blick auf die Liste des ZDF macht sicher, dass nach vielen der Besten von heute in einer Fernsehshow des Jahres 2020 kein Hahn mehr kräht. Und umgekehrt: Lieber nicht daran denken, wie eine Liste großer Deutscher, erstellt im Jahre 1940, ausgesehen hätte.

Das führt uns zu dem Grund, warum alles Jammern über einen Diebstahl Mozarts unsinnig ist und wir Österreicher im Gegenteil allen Grund zum Jubilieren haben über den Größen-Wahn des ZDF. Wir sind ihn - IHN - endlich los, und das auch noch mit deutschem Gütesiegel! Wir waren ja immer überzeugt, dass Adolf Hitler nur Deutscher sein konnte, aber die Welt wollte uns nicht glauben. Jetzt sagt es der Leiter der Redaktion Zeitgeschichte im Zweiten Deutschen Fernsehen, Guido Knopp, befragt zu den "Problemfällen" deutscher Geschichte: "Der bekannteste Deutsche ist nun einmal der schlimmste Verbrecher aller Zeiten: Adolf Hitler."

Das ist ziemlich anständig von den Deutschen, und man muss sich wirklich fragen, woran es liegt, dass die Kronen Zeitung den harmlosen Problemfall Mozart so aufbauschte, statt mit der Sensation in die Schlagzeile zu gehen: Endlich - Deutsche nehmen Hitler auf ihre Kappe. Diese Rehabilitierung Österreichs sollte es uns wert sein, auf Amadeus zu verzichten. Mozartkugeln und Mozarttaler kann uns niemand nehmen - der Rummel und das Geschäft mit seiner Person bleiben unser, für und für! (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.8.2003)

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