Wallfahren boomt

1. Oktober 2003, 10:25
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Kulturforschung ortet den spirituellen Effekt und die temporäre Gemeinschaftserfahrung als zentrale Motive der Wallfahrer

Wallfahren boomt. Wie ein vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstütztes Projekt am Grazer Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie zeigt, hat diese schon länger beobachtete Entwicklung aber nur bedingt mit einer Rückkehr von Religionen und Frömmigkeit zu tun: Der spirituelle Effekt und die temporäre Gemeinschaftserfahrung seien heute zentrale Motive, so die Kulturforscherinnen Romana Geyer und Gabriele Ponisch, die heute insgesamt von einem "kulinarischen Ritualgebrauch" sprechen.

Kaum eine steirische Pfarre, die keine Wallfahrt organisiert - 2001 waren es in summa über 900, gut ein Drittel werden per pedes, ein Viertel nach Mariazell unternommen. Bemerkenswert dabei ist, dass drei Viertel aller Wallfahrten nach 1970 eingeführt wurden. "Es sind alle möglichen Gruppen dabei, nicht nur Katholiken und Christen, sondern auch Esoteriker, Agnostiker und so weiter", stellten Geyer und Ponisch fest.

Neben den Marken "Spiritualität" und "Gemeinschaft" gebe es eine bunte Vielfalt an Motivlagen, die etwa hinter dem in drei bis fünf Tagen 120-km-Marsch von Graz nach Mariazell stehen: Sportliche Ambitionen sind ebenso dabei wie der Wunsch nach intensiver Sinnes- und Naturerfahrung oder eigentherapeutische Versuche der Krisenbewältigung, Stressentlastung und persönlichen Neuorientierung.

Hemmungslos fromm sein

Doch der Trend geht nicht nur in Richtung Verwässerung und Beliebigkeit, auch "streng" Gläubige finden positive Aspekte: "Hier können sie hemmungslos fromm sein", analysieren die beiden Volkskundlerinnen die Funktion von gewissen Wallfahrtsgruppen. Sie dienen auch als Gegenwelt zu einer profanen Öffentlichkeit, in der Frömmigkeit als Tabu gilt.

"Die Wallfahrt ist ein altes Ritual, das selber trägt - das muss man nicht neu erfinden", glauben die Forscherinnen zu wissen, warum sich gerade dieses Jahrhunderte alte Brauchtum so starker Nachfrage erfreut. Projektbetreuer Univ.-Prof. Helmut Eberhart zieht Parallelen zum gestiegenen Interesse an Museen: In einer als schnelllebig empfundenen Zeit zieht man sich gerne auf "eingefrorene" kulturelle Äußerungen zurück, wobei ein "kompensativer Charakter" nicht von der Hand zu weisen ist. Gleichzeitig weist das Projektteam darauf hin, dass die Wallfahrt seit ihren Anfängen nicht nur religiösen Hintergrund hatte: "In einer Zeit, in der nur der Adel auf große Tour gehen konnte, lag in ihr für die einfachen Leute die erste Form des Tourismus begründet". (APA)

Zum Forschungsprojekt "Wallfahrt in der Nachmoderne. Eine Untersuchung anhand steirischer Pfarren" gibt es weitere Informationen über Internet unter Projekt Wallfahrt
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