"Rosenholz" und Karteikärtchen

21. August 2003, 01:46
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Angebliche Stasi-Verstrickungen von Günter Wallraff als Thema für "Die Welt"

Der Mann, der bei Bild Hans Esser war, hieß bei der Stasi Wagner. Auf diesen Satz ließ sich bisher der Geheimdienstfall Günter Wallraff verdichten: Mit seinem Enthüllungsbuch Der Aufmacher hatte der investigative Schriftsteller 1977 das Innenleben der größten deutschen Zeitung, bei der er sich mit einer erfundenen Identität verdingt hatte, öffentlich gemacht. Seither pflegen alle Medien des konservativen Springer-Konzerns eine innige Abneigung gegen Wallraff, die gelegentlich zu einer konzertierten Berichterstattung führt.

So wurden zu Beginn dieser Woche von Bild und Welt angeblich neue Details über die Verbindungen Wallraffs zum DDR-Ministerium der Staatssicherheit enthüllt, deren faktischen Neuigkeitswert die für die Stasi-Akten zuständige Birthler-Behörde deutlich relativiert: Kontakte zwischen Offizieren des Nachrichtendiensts und dem in den späten 60ern in Hamburg bei konkret arbeitenden, notorisch "unerwünschten" Reporter waren seit langem bekannt gewesen. Wallraff selbst rechtfertigte diese Treffen damit, dass er an Archivmaterial über NS-Verbrecher herankommen wollte und über die Agentenfunktion seiner Ansprechpartner nicht im Bild war.

"Verknüpfung"

Die Welt präsentierte nun am Dienstag zwei Karteikarten, aus deren "Verknüpfung" größere Klarheit über die tatsächlichen Aktivitäten des inoffiziellen Mitarbeiters Wagner resultieren sollte.

Die ganze Geschichte führt tief in das schwer zu überblickende Innenleben des Ost-Geheimdienstes. Einerseits existiert eine Karte, auf der Wallraff mit seinem bürgerlichen ("Klar-")Namen geführt wurde, andererseits existierte im "Sira" ("System zur Informationsrecherche der Hauptverwaltung Aufklärung") eine Karte, in der die Tätigkeit des Mitarbeiters in einem "Posteingangsbuch" dokumentiert wurde.

Erstere Karte stammt laut den Recherchen der Welt aus dem so genannten "Rosenholz"-Material, das 1990 unter bislang ungeklärten Umständen in die USA gelangte und bis vor kurzer Zeit bei der CIA unter Verschluss gehalten worden war. Bisher existierten aus diesen Akten nur Teilabschriften von Hand, vor kurzem wurden Kopien davon an die Behörden zurückgegeben.

Insgesamt enthält "Rosenholz", so der Experte Jochen Staadt, der an der FU Berlin über den "SED-Staat" forscht, gegenüber dem STANDARD, rund 3500 Namen von westdeutschen Mitarbeitern der Stasi, die 1988 noch aktiv waren. "Historisch", so Staadt, birgt dieses Material durchaus Brisanz, nicht jedoch strafrechtlich. Entscheidend ist nun, dass die Behörde, anders als im Fall Lothar Bisky vor wenigen Wochen, das Vorliegen einer "Rosenholz"-Karteikarte über Wallraff in Abrede stellt, während das von der Welt vorgelegte Dokument nicht unbekannt gewesen sei.

Akte Springer

Auch ein interner Bericht der Stasi aus 1976 über Wallraff, in dem dieser als wertvolle Quelle, aber auch als unzuverlässig charakterisiert wurde, wird von den Springer-Zeitungen einseitig zitiert. Das, so Staadt, "seit langer Zeit bekannte" Dokument sei "mit doppelter Zunge" geschrieben, es stecke darin ebenso viel "Suggestion des Offiziers" wie Skepsis gegenüber Wallraff. Der hatte zu dieser Zeit den ausgebürgerten Wolf Biermann bei sich aufgenommen und damit seine Unterstützung für Dissidenten deutlich gemacht.

Dass just jetzt diese alten Geschichten wieder aufgewärmt werden, dürfte in der Hoffnung gründen, dass unter den 3500 "Rosenholz"-Namen weitere Prominente aus der westdeutschen Linken auftauchen könnten, von der laut Bild und Welt immer schon die größte Gefahr ausging. "Die Akte Wallraff" ist in Wahrheit auch eine Akte Springer. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.08.2003)

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