Strasser: "Tschetschenische Asylwerber besonders aggressiv"

22. August 2003, 13:40
128 Postings

Innenminister vertraut trotz vermehrter Kritik an "überforderter" Betreuungsfirma weiter auf European Homecare - Die Firma wehrt sich mit Klagen gegen die Vorwürfe

Nach dem Tod eines tschetschenischen Asylwerbers bei einer Massenschlägerei im Flüchtlingslager Traiskirchen mehrt sich die Kritik an dem für die Betreuung zuständigen Privatunternehmen European Homecare. SPÖ und zahlreiche NGOs, daunter Volkshilfe, Caritas und Diakonie, sehen die deutsche Firma "überfordert". European Homecare wehrt sich mit Klagen.

Sascha Korte, Chef von European Homecare, sagte im Standard-Gespräch: "Zu Raufereien kann es immer kommen, wenn viele Menschen auf einem Haufen sind. Man kann nur versuchen, derartige Vorfälle mit Sozialarbeitern im Vorfeld zu verhindern. Leider ist das nicht immer möglich." Aber wenn die Situation eskaliere, könne man von keinem Sozialarbeiter verlangen, dass er sich dazwischenwerfe. Korte: "Da muss man dann die Polizei rufen." Vorwürfe hinsichtlich Mängel in der Flüchtlingsbetreuung lässt European Homecare nicht gelten. Die Firma kündigte mehrere Klagen wegen Kreditschädigung an. European Homecare ist seit 1. Juli für die Betreuung von Asylwerbern in Österreich zuständig. Strasser hat der Privatfirma aus Kostengründen den Zuschlag erteilt. Deren Angebot – 12,90 Euro Tagespauschale pro Betreuung – war um knapp 80 Cent billiger als das des heimischen Konsortiums (Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie und Volkshilfe).

Christoph Steinwendner, Rechtsberater der Diakonie in der Auffangstelle vor den Toren des Traiskirchener Bundesbetreuungsstelle, stellt den privaten Betreibern ein schlechtes Zeugnis aus.

"Reines Chaos"

Im Lager herrsche "reines Chaos", fasst er zusammen. So sei es seit 1. Juli "nahezu unmöglich", in unklaren Situationen die jeweils Zuständigen zu erreichen – "und wenn man mit jemanden spricht, so beklagt er sich, ihm seien die Hände gebunden". Etwa, als "vergangene Woche bei mir ein junger tschetschenischer Asylwerber aufgetaucht ist". Er sei morgens aus seiner Pension in der Steiermark zum Bundesasylamt in Traiskirchen abgeholt worden, habe der junge Mann erzählt. Nach Ende des Termins sei der Fahrer einfach verschwunden gewesen.

Strasser bleibt dabei: European Homecare leiste gute Arbeit. Er bedauere den tragischen Vorfall außerordentlich, sagte der Innenminister. Strasser konstatierte zudem eine "neue Qualität von Aggression bei tschetschenischen Asylwerbern". Die über 2000 Tschetschenen in Österreich fielen durch ein "erhöhtes Konfliktpotenzial" auf, das nicht nur in Österreich bekannt sei. Im Bayern weiß man davon allerdings nichts. Weder im Innenministerium in München noch beim Landeskriminalamt gebe es Erkenntnisse, dass Asylwerber aus Tschetschenien besonders aggressiv seien, hieß es dort auf Standard-Anfrage.

Der Direktor der evangelischen Diakonie, Michael Chalupka, zeigte sich empört darüber, "ganze Flüchtlingsgruppen zu kriminalisieren". Viele Flüchtlinge hätten Schreckliches erlebt. Die Wartelisten von Flüchtlingen, die dringend psychologische und medizinische Hilfe brauchen, sind laut Hilfsorganisation Hemayat (persisch: Schutz) lang. "Flüchtlinge aus Tschetschenien machen einen hohen Anteil unserer Patienten bei aus", sagte Barbara Preitler, Psychotherapeutin bei der Organisation. Die Betroffenen brauchten einen sicheren Ort, überschaubare Strukturen und Betreuung.

Die Ermittlungen der Polizei führten mittlerweile zur Festnahme von drei Tatverdächtigen. Im oberösterreichischen Lager Thalham, wohin 40 Moldawier nach der Schlägerei verlegt wurden, kam es angeblich zu weiteren Spannungen. Tschetschenische Flüchtlinge sollen gedroht haben, ihren in Traiskirchen getöteten Landsmann zu rächen, woraufhin mehr als ein Dutzend Angehörige der Spezialeinheit Cobra nach Thalham gebracht wurden. Nun soll eine der beiden Gruppen in einem anderen Lager untergebracht werden.(DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Für Innenminister Strasser gibt es an der Betreuung in den Flüchtlingslagern nichts auszusetzen. Im Gegenteil: zum ersten Mal würden sich auch Sozialarbeiter um die Flüchtlinge kümmern.

Share if you care.