Weiß zu sein bedarf es wenig...

18. August 2003, 10:27
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Anmerkungen zum Umgang mit "Rasse" und Farbenblindheit in einem "bunten" Österreich - ein Kommentar der anderen von Erika Müller

Kaum ein Artikel, kaum ein Bericht über Afrikaner und Afrikanerinnen in unseren Medien, die nicht vor Verzerrungen und Falschdarstellungen strotzen würden. Ein in Wien lebender Afro-Kubaner brachte es kürzlich auf den Punkt: "Ich finde mich in den medialen Darstellungen von Schwarzen nicht wieder. Ich kann mich mit diesen Bildern nicht identifizieren."

Eine verständliche Reaktion, bedenkt man die ständigen Fremdzuschreibungen eines mächtigen, hegemonialen Diskurses, der massiv Identitäten prägt, indem er ein verzerrtes Spiegelbild der Beschriebenen wirft. Ich plädiere nun für ein Experiment: Verkehren wir die Welt für nur einen kleinen Augenblick, und betrachten wir uns mit schwarzen Augen: Als kalt, kalkulierend, zweckrational und körperfeindlich erscheinen wir. Dann übertragen wir manche Attribute, die den Schwarzen für gewöhnlich - teilweise ganz ohne böse Absichten - zugeschrieben werden, auf uns Weiße: Die "weißen" Sanitäter und der "weiße" Notarzt würde es da plötzlich heißen, der "weiße" Student, die "weiße" Lehrerin etc.

Wahrlich eine seltsame Sache, über die Hautfarbe beschrieben und markiert zu werden, und ein Privileg, sich davon ausnehmen zu können, ein Privileg, ungenannt "Rassen" zu erfinden und sich gleichzeitig außerhalb derselben zu positionieren, um von außen das "Andere" studieren und beherrschen zu können.

Ein Privileg, das sich die weiße "Rasse" schuf, indem sie sich und ihr Weißsein als Norm setzte, in den verschiedenen Kontexten wie Kolonialismus, Nationalsozialismus, Apartheid und Rechtsextremismus, in denen das Weiß-sein als bewusst markiert und höherwertig eingestuft wurde.

Haben wir nun in unserem lustigen Umkehrspiel die Farbenblindheit abgelegt und sind gezwungen, uns über unsere weiße Hautfarbe definieren zu lassen, rücken wir schon ein Stück einer Wahrnehmung näher, die "Rasse" nun nicht mehr gemeinhin mit Schwarzsein assoziiert, so als hätten wir Weiße weder "Rasse" noch Farbe.

Rasse als Konstruktion

Dies wiederum ließe in diesem Spielchen die Frage zu: Ist nicht auch das Weißsein eine Konstruktion des Rassismus, die sich kulturell und bestimmend auf die Gesellschaft auswirkt? Ist demnach nicht auch "Rasse" eine soziale Kategorie, die mit "natürlichen" Gegebenheiten wie Hautfarbe, Nasen- und Augenform rein gar nichts zu tun hat? Genetiker haben schon seit einiger Zeit dem Rassismus die Grundlage entzogen, da die Klassifizierung von Menschen nach "Rassen" nicht möglich sei.

Dennoch kann die De-facto-Klassifizierung nach Rassen nicht ignoriert werden, denn wir werden - in Anlehnung an Simone de Beauvoirs Aussage zum Frausein - zwar biologisch als Schwarze und Weiße geboren, aber erst zu dem gemacht, was landläufig für "schwarz" und "weiß" steht, wie die deutsche Afrikanistin Susan Arndt ausführt.

Die Inszenierung der "natürlichen" Unterschiede der Hautfarbe ist tagtäglich auf Österreichs Straßen oder in Lokalen zu beobachten, wenn schwarze Männer, die nicht in den Drogenhandel verwickelt sind (ja, auch solche gibt es!), auf offener Straße durch die weiße Polizei in Rollen gedrängt werden, die in den Köpfen der Zuschauer das tradierte Bild schwarz/kriminell evozieren lässt. Oder wenn sich in den weißen Medien Erzählungen über Afrika auf immer die gleichen Aspekte reduzieren: Aids, Hunger, Massaker, Unterentwicklung.

Doch um mit der schwarzen amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zu sprechen: Es ist eine Menge Zeit und Intelligenz investiert worden, um Rassismus und seine Auswirkungen auf seine Objekte aufzudecken.

Nun muss die Zeit kommen, dass der Einfluss des Rassismus auf das rassistische Subjekt, auf diejenigen, die Rassismus weitertragen oder dagegen ankämpfen, analysiert wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2003)

Erika Müller ist weiß und lebt als freie Journalistin in Wien.
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    Wer ist hier die Norm? Im Menschenreich scheint diese Frage leider schon längst entschieden.

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