Killerzellen für ein kleines Leben

18. August 2003, 10:18
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Am Forschungsinstitut für krebskranke Kinder im St. Anna Kinderspital wird nach neuen Methoden zur Krebsbekämpfung gesucht. Der Biomediziner Thomas Felzmann hatte Erfolge mit einer Anti-Tumor-Immuntherapie. Mit ihm sprach Doris Griesser

STANDARD: Was sind die häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern?

Thomas Felzmann: Etwa ein Drittel sind Leukämien, dann kommen die Gehirntumoren und schließlich die frühkindlichen Tumoren zum Beispiel der Kochen, Muskeln und des Knorpelgewebes. Die "klassischen" Karzinome wie Dickdarm-, Brust- oder Prostatakarzinome treten im Kindesalter nicht auf. Man muss hier die Größenordnung sehen - im Vergleich zum Erwachsenenalter sind Krebserkrankungen bei Kindern selten.

STANDARD: Die neun Arbeitsgruppen am Forschungsinstitut für krebskranke Kinder beschäftigen sich mit molekularbiologischer Forschung, klassischer Genetik und immunologischen Fragen. Intensiv geforscht wird im Bereich der Knochenmarktransplantation. Mit welchen Erkenntnissen?

Thomas Felzmann: Um eine Transplantation überhaupt durchführen zu können, muss das Knochenmark und damit auch das Immunsystem des Empfängers durch starke Chemotherapien ausgeschaltet werden. Der Patient ist dann sehr anfällig für alle Arten von Krankheiten. Wenn man nun das fremde Knochenmark und damit auch das Immunsystem des Spenders überträgt, richtet sich die Aktivität des Spenderknochenmarks gegen den Empfänger. Diese Reaktion kann alle möglichen Schädigungen hervorrufen. Das Immunsystem des Spenders soll gegen den Empfänger tolerant gemacht werden. Dahinter steckt die Idee, nicht das gesamte Spender-Immunsystem zu unterdrücken, da man die Patienten dadurch noch krankheitsanfälliger macht, sondern selektiv nur jene Funktion des Immunsystems zu unterdrücken, die diese folgenschwere Reaktion des Transplantats gegen den Empfänger auslöst.

STANDARD: Gibt es schon Ergebnisse, die in der Praxis angewendet werden?

Thomas Felzmann: Bei den oben geschilderten Arbeiten befinden wir uns noch in der Phase der Grundlagenforschung. Bereits umsetzbare Verbesserungen bei der Knochenmarktransplantation konnte eine Arbeitsgruppe im Bereich der Diagnostik erzielen. So können wir heute bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt sagen, ob das Transplantat vom Empfänger akzeptiert wird oder nicht.

STANDARD: Für Ihre Arbeit an einer Anti-Tumor-Immuntherapie wurden Sie und Ihr Team vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds beim Life Science Call 2002 mit einem Preis ausgezeichnet sowie mit einer Projektförderung bedacht. Können Sie kurz erklären, wie diese Therapie funktioniert?

Thomas Felzmann: Eine zentrale Rolle dabei spielen die dendritischen Zellen, von denen sozusagen die "Entscheidung" getroffen wird, ob eine Immunreaktion gegen ein bestimmtes Antigen (eine Substanz, die vom Immunsystem als fremd erkannt wird, Anm.) ausgelöst oder ob es toleriert wird. Hier wollen wir eingreifen, indem wir versuchen, die dendritische Zelle "aufmerksam" zu machen. Zu diesem Zweck wird sie außerhalb des Körpers mit dem Tumor-Antigen in Kontakt gebracht und in einer Weise verändert, dass sie gegen diese Tumor-Antigene eine Immunreaktion auslösen und so durch die Aktivierung der körpereigenen "Killerzellen" - die T-Lymphozyten - eine Zerstörung der Tumorzellen bewirken kann. Unser langfristiges Ziel ist es, mit dieser neuen Therapie mikroskopisch kleine Tumorreste nach einer konventionellen Krebsbehandlung aufzuspüren und zu zerstören. Bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen ist damit zwar keine Heilung zu erwarten, aber schon eine Lebensverlängerung bei möglichst guter Lebensqualität wäre für die Patienten ein Gewinn.

STANDARD: Wurde die Anti-Tumor-Immuntherapie am St. Anna Kinderspital schon angewandt?

Thomas Felzmann: Die häufigste Krebsart hier ist die Leukämie, die gerade bei Kindern sehr gut mit konventionellen Maßnahmen - also Chemotherapie oder Knochenmarktransplantation - behandelt werden kann. Man wird deshalb bei diesen Erkrankungen keine experimentelle Therapie anbieten, von deren Wirkung man noch nicht sehr viel weiß. Anders ist die Situation bei "soliden" Tumoren - also bei Krebserkrankungen von Knochen, Muskeln und Bindegewebe -, die bei Kindern mit konventionellen Methoden schwer zu behandeln sind. Mit 14 solcher Patienten haben wir eine Pilotstudie durchgeführt. Die Ergebnisse sind gut: Die Durchführbarkeit ist gegeben, und schwere Nebenwirkungen konnten nicht beobachtet werden. Diese Patienten befanden sich aber bereits im Endstadium ihrer Krankheit und hatten durch Chemotherapien geschädigte Immunsysteme. Dadurch konnte man die Nebenwirkungen möglicherweise nicht so gut sehen wie bei einem gesunden Immunsystem.

STANDARD: Wann wird die Therapie an Patienten in einem früheren Krankheitsstadium erprobt?

Thomas Felzmann: Eine Nachfolgestudie mit solchen Patienten haben wir vor kurzem begonnen. Ergebnisse dazu wird es erst in ein bis zwei Jahren geben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 8. 2003)

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