Auf Patrouille gegen den Tumor

18. August 2003, 10:18
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Forscher nennen sie "Wächter des Immunsystems", und mit ihren tentakelartigen Greifarmen erwecken sie tatsächlich den Anschein, als könne ihnen kein Bösewicht entwischen: Dendritische Zellen sind derzeit die großen Hoffnungsträger in der Krebsforschung

Das Prinzip ist so einfach wie genial: Im Labor mit Tumormaterial beladene dendritische Zellen - das sind bestimmte weiße Blutkörperchen - lösen im Körper eine Abwehrreaktion aus. Diese richtet sich gegen die bösartige Geschwulst und zerstört sie. Dem Krebs wird praktisch von innen heraus, mit den eigenen Abwehrkräften, zu Leibe gerückt.

Weil gesunde Zellen von der Therapie verschont bleiben, fallen auch die gefürchteten Nebenwirkungen herkömmlicher Behandlungsmethoden weg. Lediglich über grippeähnliche Symptome klagten einzelne Patienten in ersten klinischen Tests.

Von einem weltweiten Boom in der Forschung an dendritischen Zellen spricht Martin Thurnher, wissenschaftlicher Leiter eines Projektes an der Universitätsklinik für Urologie und Mitglied im Kompetenzzentrum Medizin Tirol (KMT). Die vorliegenden Ergebnisse bescheinigen den Tirolern denn auch eine gewisse Vorreiterrolle.

Spezialfall

Thurnher testet an Nierenkarzinomen. Diese Krebsart stelle einen Spezialfall dar, weil ihm mit herkömmlicher Strahlen- und Chemotherapie nicht beizukommen sei. "Wir simulieren im Labor einen Entzündungsprozess und lösen damit das notwendige Signal aus, damit die Killerzellen aktiv werden", sagt Thurnher. Im Gegensatz zur Strahlen- oder Chemotherapie, bei der immer auch gesunde Zellen zerstört werden, greifen die "scharf gemachten" dendritischen Zellen nur bösartiges Gewebe an.

Seit 1997 testet Thurnher gemeinsam mit Lorenz Höltl und einem siebenköpfigen Team die Wirksamkeit dendritischer Zellen. Die bisherigen Ergebnisse lassen Hoffnung aufkeimen: Das Medikament wurde an 29 Patienten mit metastasiertem Nierenkarzinom und sehr schlechter Prognose erprobt. Immerhin bei zweien kam es zu einer vollständigen Tumorabstoßung, einer davon erlitt nach rund einem Jahr einen Rückfall, der zweite ist immer noch in kompletter Remission. Bei sieben Patienten kam es zu einer Stabilisierung des Tumors. Eine Immunreaktion wurde aber bei jedem gemessen.

Thurnher glaubt, dass die Therapie mit dendritischen Zellen in Kombination mit anderen Substanzen noch wirksamer sein könnte. Ein Projekt dazu soll noch heuer eingereicht werden. Wie viel ein solches Medikament kostet, ist unklar. Thurnher spricht von rund 5000 Euro Herstellungskosten.

Nicht nur bei Nierenkrebs werden dendritische Zellen als neue Therapie erprobt. So testen etwa Arbeitsgruppen am St. Anna Kinderspital oder die Hautkliniken in Innsbruck und Wien auf dem Gebiet. Weltweit werde "quer durch die Bank" geforscht, berichtet Thurnher.

Karikatur Krebszelle

Eine Impfung als alleiniges Mittel gegen Krebs? Christa Cerni, Tumorbiologin am Wiener Institut für Krebsforschung, ist skeptisch: "Um die Chemotherapie wird man nicht herumkommen", glaubt sie. "Eine Krebszelle erfindet nichts Neues, sie ist die Karikatur einer normalen Zelle." Treffe man die Karikatur, treffe man eben auch das gesunde Pendant. Cerni spricht insbesondere einen weiteren Hoffnungsträger moderner Krebstherapien an, die Blockade von Wachstumsfaktoren.

Dabei werden bestimmte Proteine und Rezeptoren, die das Wachstum von Krebszellen fördern, gezielt gehemmt. "Es gibt nur ein verlässliches System, das in der Lage ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden, und das ist das Immunsystem", dämpft auch Martin Thurnher allzu hoch gesteckte Erwartungen. Nur in Kombination mit herkömmlichen Behandlungsmethoden rechnen sich die Experten hier Chancen aus.

Für den Patienten selbst bedeutet die Methode jedenfalls keine unmittelbare Erleichterung, weil auch Wachstumshemmer mit Übelkeit und Abwehrschwäche einhergehen. Ebenso "realistisch" bewertet Cerni Ansätze zum programmierten Zelltod: Bei vielen Krebszellen fehlen Mechanismen für die Apoptose, das natürliche Absterben der Zellen. Neue Wirkstoffe sollen dies korrigieren. Cerni befürchtet dabei aufgrund ihrer raffinierten Struktur Resistenzen der Tumorzelle bei einer länger andauernden Behandlung.

Positiver beurteilt sie die Methode des Aushungerns von Tumoren: Hemmstoffe sorgen dafür, dass Tumoren keine neuen Blutgefäße bilden können. "Das schaut viel versprechend aus", meint Cerni. Mit einer Einschränkung: Manche Tumorzellen, Melanome etwa, seien imstande, selbst Gefäße zu bilden: "Die würden über die Behandlung nur lachen."

Das Problem all dieser Therapien bringt Cerni denn auch auf den Punkt: "Krebs ist keine einheitliche Erkrankung. So wie ein Individuum einzigartig ist, steht jede Krebsform leider für sich." Am besten fahre man immer noch mit der Brachialmethode: "Erschießen, erwürgen, erhängen." (Doris Priesching/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 8. 2003)

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