"Ich bin kein sentimentaler Mensch"

12. August 2003, 18:59
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Thomas Muster im STANDARD-Interview - Die ehemalige Nummer eins des Tennis wird sich ab heute in Graz mit den Senioren messen

der Standard: Mit Verlaub, Sie betreiben Understatement. Weshalb sollte der kaum 36-jährige Muster gegen Leute jenseits der 40, also gegen Leconte, Wilander und Gomez, nicht glatt gewinnen?
Muster: Ganz simpel. Weil ich vier Jahre lang kein Match bestritten habe. Die anderen haben permanent gespielt und hielten ständig Kontakt zur Szene. Ich hingegen war weg.

STANDARD: Ihr Exmanager Ronald Leitgeb geht davon aus, dass Sie das Finale erreichen.
Muster: Schön für ihn. Aber nur ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann.

STANDARD: Was können Sie nicht?
Muster: Die Beweglichkeit kommt nicht von heute auf morgen zurück. Du kannst Matchpraxis nicht üben, das Reagieren auf Situationen im Wettkampf vergisst du. Es macht einen Unterschied aus, wenn du dann von echten Ballkindern und Linienrichtern umgeben bist. Aber das ist eh eine alte Geschichte.

STANDARD: Ist Ihr Erregungszustand mit jenem eines Kindes vor der Erstkommunion vergleichbar?
Muster: Nicht unbedingt. Aber ich spüre eine Anspannung. Die Erwartungen sind groß. Die öffentliche und meine eigene. Ich bleibe dabei: Ich möchte eine Partie gewinnen. Wird es mehr, okay. Aber ich war mein Leben lang Realist.

STANDARD: Sind Ihre eigenen Ansprüche nicht weit höher angesetzt? Passt Seniorentennis überhaupt zu Muster? Dabei geht es doch vor allem um Show und Spaß.
Muster: Es ist für mich ein Test, ein Selbstversuch. Ich werde nicht ewig ein Senior sein. Aber die Sache wächst, es kommen Typen wie Courier, Pioline oder Forget hinzu, die können was. Das ist keine Gauklertour mehr, sondern eine ernsthafte Angelegenheit. Ich habe mich für Seiersberg entschieden, für sonst nichts. Darauf habe ich mich sechs Monate vorbereitet. Ich habe hundert Prozent trainiert, kann mir nix vorwerfen.

STANDARD: Ihr Comeback wird total vermarktet, das Fernsehen sendet live. Man hat das Gefühl, dass diese Kampagne von Ihnen gewollt ist. Früher haben Sie sich abgeschottet, wollten Ihre Ruhe haben.
Muster: Das will ich jetzt auch. Im Prinzip tue ich nichts dafür, das bekommt eine Eigendynamik. Geplant waren drei Pressekonferenzen. Ich geh' zu keinem hin und sag', bitte ruf mich doch an, ich tät' gerne ein Interview geben.

STANDARD: Nervt der Rummel oder sieht man das im fortgeschrittenen Alter nicht so eng?
Muster: Jede Woche Seiersberg wäre nicht auszuhalten.

STANDARD: Das österreichische Tennis ist wieder auf Muster konzentriert. Plagt Sie ein schlechtes Gewissen? Ein echtes Comeback wäre doch die Rückkehr auf die richtige Tour.
Muster: Stimmt. Das ist aber eine andere Planung, reine Spekulation. Ich werde mich im Herbst zurücklehnen und entscheiden. Dazu brauche ich Erfahrungswerte. Schlechtes Gewissen habe ich keines, Leute wie Koubek müssen siegen und an ihrer Ausstrahlung arbeiten. In Deutschland schreiben sie auch über Becker, nicht über Kiefer.

STANDARD: Muster scheint aber privater geworden zu sein, Sie füllen Klatschspalten.
Muster: Was soll ich dagegen unternehmen? Früher war ich zwei Wochen pro Jahr in Österreich, jetzt bin ich jeden Tag da. Wenn ich an einer Tankstelle eine Leberkäsesemmel kaufe, steht das am nächsten Tag in den Mur-Nachrichten. Das geht mir auf den Wecker. Ich komme lieber auf Sportseiten vor, bin kein Klatschspaltenmensch.

STANDARD: Der ORF kündigt an, dass Sie in "Thema" über Ihren Sohn Christian reden.
Muster: Das ist ein typischer Anreißer. Ich habe nur gesagt, er ist drüben in Australien, ich bin da, die Mutter passt auf ihn auf, und ich sehe ihn im Moment nicht. Was soll ich schon Großartiges erzählen?

STANDARD: Sie waren drei Jahre weg aus Österreich, sind jetzt in die Steiermark zurückgekehrt. Inwieweit hat sich das Land verändert?
Muster: Ich bin Österreicher, lebe da, denke aber international. Hier kann einem leicht die Decke auf den Kopf fallen. Je mehr du von der Welt gesehen hast, desto mehr willst du das Globale wiederhaben. Das ganze Jahr in Österreich zu sein kommt für mich nicht in Frage. Andererseits musst du nach 18 Jahren Herumtingeln irgendwo bleiben. Geändert hat sich eigentlich wenig. Der Wörthersee ist, wo er ist.

STANDARD: Sind Sie ein Getriebener geblieben?
Muster: Nein. Die Hotelzimmer vermisse ich nicht. Das Schönste am Tennis war, Matches zu bestreiten. Ich reise lieber um die Welt, um zu golfen oder Freunde zu besuchen. Tennisplätze schauen nämlich überall gleich aus.

STANDARD: Wie stellen Sie sich den Dienstag mit Leconte vor?
Muster: Ich nehme an, dass viele Leute da sein werden. Ich lasse es auf mich zukommen, möchte jede Minute genießen. Aber ich bin kein sentimentaler Mensch. Die einen werden sich wundern, was der Muster noch kann, andere werden sich daran erinnern, was der Muster einmal können hat. Und andere werden sich davon überzeugen, dass man innerhalb von sechs Monaten tatsächlich mehr als 20 Kilo abnehmen kann.

STANDARD: War der drohende Verfall des Körpers mit ein Grund für die Rückkehr? Sie wogen 99 Kilo.
Muster: Ja sicher. Ich brauchte aber ein Ziel, und das war Seiersberg. Die Faust im G'nack war wichtig, Denn eigentlich bin ich ein fauler Mensch.

STANDARD: Wenn Sie Topspieler wie Ferrero oder Coria sehen, was geht da in Ihnen vor?
Muster: Man darf sich nicht mit jenen messen, die alles gewinnen. Es gibt auch andere. Die sind in der Mehrheit.

STANDARD: Die Vision, 2004 Turniere auf der normalen Tour zu bestreiten, bleibt also?
Muster: Erst ist Seiersberg, dann denke ich nach. Vielleicht fasse ich den Entschluss, diese Vision zu leben.(Christian Hackl, Der Standard, Printausgabe, 11.08.2003)

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Zur Person

Thomas Muster wurde am 2. Oktober 1967 in Leibnitz geboren. Der Steirer gewann 44 Tennisturniere (zwischen 1986 und 1997), liegt in der ewigen Bestenliste an elfter Stelle (Connors führt mit 109). 1989 verunglückte Muster in Key Biscayne und schaffte ein Comeback. 1995 gewann er als erster und einziger Österreicher ein Grand-Slam, die French Open (gegen Chang). 1996 war er sechs Wochen lang die Nummer eins der Welt. Das letzte Match bestritt er im Mai 1999. Er hat mehr als zwölf Mio. Dollar Preisgeld verdient. Nach der Karriere lebte Muster in Australien, er heiratete, die Ehe ging in Brüche. Muster hat einen Sohn.

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Turnier in Graz Seiersberg

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    Thomas Muster, wieder tiptop austrainiert.

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