Das 1x1 der Aktienbewertung

31. August 2003, 19:14
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Sind die hohen Bewertungen hinreichend abgebaut und Aktien wieder billig? - Gastkommentar von Michael Margules

Die drei - oder vielleicht akkurater vier - ganz großen Bärenmärkte hatten eines gemeinsam: Ihnen ging eine hohe Bewertung der Aktien voraus. Die für internationale Anleger lautet nun wieder einmal wenig überraschend: Sind die hohen Bewertungen hinreichend abgebaut und Aktien wieder billig?

Status Quo Vereinigte Staaten: Noch immer nicht ganz billig....

Auf Basis der diesjährigen Gewinnerwartungen weisen die Unternehmen im marktbreiten amerikanischen S&P-500-Index ein Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV, englisch PE) von 21, hinsichtlich der Prognose für die geschätzten Gewinnprognosen 2004 ein KGV von 18 auf. Eine Aktie kostet also durchschnittlich 21 mal so viel wie die Unternehmen pro Aktie im Jahr verdienen. Das ist mehr als im langjährigen Durchschnitt, der bei weniger als 15 liegt, und sogar viel mehr als während der Rezession in den siebziger Jahren (damals lag das KGV unter 10).

Status Quo Europa: Schon besser....

Anders dagegen die Situation in Europa: Ein Dax-KGV von 15 auf Basis des laufenden Jahres und gut 12 anhand der geschätzten Gewinne für 2003 entspricht erstmals seit 1994 dem langjährigen Durchschnitt. Innerhalb der europäischen Indizes fiel das KGV beim Euro Stoxx 50 auf 15, wenn man die diesjährigen Erwartungen im Verhältnis zum Aktienkurs setzt. Auf Basis des nächsten Jahres werden Werte von 12 erreicht, freilich immer vorausgesetzt, dass sich die Schätzungen als realistisch herausstellen. Ebenso wie beim Dax ist das so wenig wie zuletzt Mitte der neunziger Jahre, also nach der letzten Rezession.

Pro „günstig“: Tiefe Zinsen

Das nicht gerade kleine "aber" im Rahmen der Aktienbullen lautet: zum damaligen Zeitpunkt wie überhaupt in den letzten 40 Jahren war niemals ein derart tiefes Zinsniveau gegeben wie dies im Moment der Fall ist, und trotz jüngster Renditeanstiege in den USA auch angesichts schwacher Wachstumsraten weiterhin Bestand haben dürfte. Solche Szenarien wiederum lassen die Angebote von der "Konkurrenz", sprich den mit geringeren Risikoprämien behafteten Anleihenmärkten oder den in der Lokalwährung so gut wie risikolosen Geldmarktveranlagungen, unattraktiv(er) aussehen lässt als die stets volatilen - oder vielleicht besser in der Sprache der Spieler vulgo Anleger: himmelhoch jauchzend und zu Tode getrübt - Aktieninvestments.

Contra „billig“: Niedrige Unternehmensgewinne

Das ebenso nicht gerade kleine "aber" der Börsenbären lautet: etliche Studien, wie unter anderem eine jüngst publizierte Analyse von Independent Strategy, zeigt die hoffnungslose Überschätzung des Gewinnwachstums für die Jahre 2003 und 2004, insbesondere der (amerikanischen) Technologiewerte. Veranschaulicht wird dies beispielsweise am Wachstum des hoch zyklischen Halbleitergeschäfts, der als Frühindikator eines konjunkturellen Auf- wie natürlich auch Abschwungs gilt. Nach desaströsem Geschäftsverlauf in den Jahren 2001 und 2002 sah es eine Zeit lang so aus, als ob die Chip-Nachfrage wieder zunehmen würde. Die Wachstumsraten sehen allerdings wie in den meisten Segmenten nur auf Grund des Vergleichs mit den extrem schwachen und damit niedrigen Werten der jüngeren Vergangenheit rein optisch sehr gut aus.

Fazit: Unverändert glattes Börsenparkett

Letzteres wird sich so schnell nicht ändern, bedenkt man die unverändert hohen Überkapazitäten einerseits, das lasche Ausmaß der Kapazitätsauslastung andererseits, und dies auf beiden Seiten des „großen Teiches“. Gleichzeitig scheinen die Unternehmen weiterhin nicht oder zumindest nur schwer in der Lage, ihre Preise zu erhöhen. Damit zeichnet sich weiterhin ein Bild vom Aktienmarkt ab, in dem nur Bier für überschäumende Freuden sorgen kann, Kursgewinne solange und deswegen nicht, bis steigende Unternehmensgewinne den Kursen vorauseilen – und damit Aktien tatsächlich preiswert sind!

Nachlese

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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    foto: photodisc/montage
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