Nachdenkliche Variationen über den musikalischen Schmerz

10. August 2003, 19:53
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Pianist Evgeny Kissin gastierte im Großen Festspielhaus

Salzburg - Kein Vorwurf, mit Verlaub, aber der zwölfjährige Evgeny Kissin, der mit den beiden Chopin-Konzerten (an einem Abend überwältigend gedeutet!) die Musikwelt durcheinander brachte - dieser Überbegabte ist mit nun schon mehr als 30 Jahren ein Scheuer, ein Linkischer geblieben. Ist, wenn er - streng befrackt - über die weite Podiumsdistanz zu seinem Steinway strebt, sich artig nach allen Seiten verneigt, im Großen und menschlichen Ganzen ein hoheitlich Verfügender, der doch irgendwie beängstigend verfügt wirkt.

Und dann, in wenigen Bruchteilen einer Minute, hat er uns vorgeprägten, natürlich erwartungsvoll gestimmten, aber auch von den Usancen des Musikbetriebs gedopten Hörern gezeigt: Wir alle sollten nicht in den biografischen Notizen kramen. Wir sollten nicht in Kindheit und Jugendproblematik, im Familienalbum eines Wundermannes stöbern. Wir sollten nur hören, wie er Schuberts B-Dur-Sonate in eigenem "Tempo", mit eigenen Verzögerungen, mit eigener Färbung der so verfänglichen, kaum zu artikulierenden Basstriller auf eine lange Reise schickt.

Prüfende Kräfte

Man musste zunächst an Richters schier lähmende Intonation des Hauptthemas denken, auch an Afanassievs Zeitlupenmikroskopie. Aber dann waren es doch die unverwechselbar nachdenklichen, prüfenden Kräfte eines Musikers, der sich den Schönheiten, den lieblichen Abgründen eines Werkes aussetzt, die dominierten, als habe er nichts anderes mitzuteilen als seine eigenen, ureigenen Erwägungen und Einsichten.

Hatte man also im ersten Teil dieses Festspiel-Solistenkonzerts zu Musik bald verzauberte, bald ehern gegossene Gedankenarbeit am akustischen Wegrand der Schmerzlichkeit erlebt, so schien es im zweiten Teil, als bitte Kissin nun zur - gleichwohl geistvollen - Virtuosenfreizeit.

Wonniglich abgestufte "Ständchen"-Perspektivik und schweifende, sinngemäß aufgebauschte "Aufenthalts"-Gebärden in den Schubert/ Liszt-Transkriptionen. Sprechend-singend disponierte Brillanz in den "Ohne Worte"-Kaskaden des Lisztschen Sonetto 104 del Petrarca. Und gesunde, klanglich vielleicht eine Spur zu gutmütige, in den akrobatischen Teilen gelegentlich etwas schwerblütige Virtuosität im Mephisto-Walzer Nr. 1, in dessen Mitteilteil die Tonrepetitionen endlich einmal wirklich als Musik und nicht als Cramer-Etüde abgetönt blieben.

Schließlich: Schuberts Ges-Dur-Impromptu, Liszts Soirée de Vienne Nr. 6 (nach Schubert) und Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 6 reflektierten noch einmal in neuen Brechungen das Hauptprogramm - und dies unter dem Jubel eines Publikums, das sich zunächst gefordert, dann beschenkt fühlen durfte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11.8.2003)

Von
Peter Cossé
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