Borstenvieh und Bürgerschreck

10. August 2003, 22:48
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Der erste Schauspiel-triumph der Salzburger Festspielsaison mit Pasolinis selten gespieltem "Schweinestall"

Mit der neapolitanischen Produktion von Pasolinis selten gespieltem "Schweinestall" ereignete sich der erste Schauspieltriumph der Salzburger Festspielsaison: Im "republic" wird das Andenken an die Protestkultur umformuliert.


Salzburg - Wenn am wehmütigen Schluss von Tschechows Kirschgarten die Ranewskaja das Gutshaus ihrer unbeschwerten Kindertage verlässt, die wurmstichige Großbürgerwelt daraufhin einer noch unbekannten, unheilvollen Zukunft blind entgegendämmert, hört man, wie hinter den Fensterläden die Äxte der Fäller die Kirschbäume zusammenhacken.

Im abgesperrten, dem Vergessen preisgegebenen Haus aber irrt auf Gichtbeinen der alte Diener Firs durch die leeren Korridore: "Sie haben mich vergessen!", ruft das greise Faktotum starr vor Erstaunen aus.

Hernach legt sich der Alte auf ein verstaubtes Sofa nieder - zum Sterben vielleicht, wohl aber auch zum Erträumen einer bitteren, bürgerlichen Schreckenszukunft, die in Pier Paolo Pasolinis Porcile - Der Schweinestall (1968) einmünden könnte: zum Besten des Stücks in Antonio Latellas staunenswürdiger Festspielinszenierung im Salzburger "republic".
Denn ehe der bundesrepublikanische Industriellensohn Julian (Annibale Pavone), ein dunkelhaariges, kindertrotziges Geschöpf des sanften Aufruhrs, wohnhaft in dem Bonn-nahen Bad Godesberg, einer "Goethe"-Landschaft, wie der Italiener Pasolini irrwitzig schreibt, von leibhaftigen Schweinen aufgefressen wird - schlurft der alte Diener Firs (Enrico Roccaforte) im gebückten Gang noch einmal glöckchenbimmelnd um das Spielpodest herum.

Dieses Faktotum liest schleckend die Tortenreste auf, die der verwöhnte Sohn des Hauses im Verein mit seiner ihn verführen wollenden Jugendfreundin Julia (Stefania Troise) vom Boden gepickt hat.

Er bückt sich nach Kippen, die der Wohlstand achtlos abwirft. Wenn Julian, der unergründliche Revolutionär des radikalen Nichtstuns, der passive Agent einer spirituellen Verweigerung, gegen Schluss in eine riesige zwölfzitzige Plastiksau hineinkriecht, krampft sich Firs' greise Hand zusammen, und er brüllt herzzerreißend: "Julian!" Die Schweine sollen das Kind, diese schönere Hoffnung auf eine gerechtere Welt, gefressen haben.

Einsturz von innen

In atemloser Hast erzählt Pasolini, wie das nachkriegsdeutsche Industriekapital auf den Ermordeten des Holocaust seinen Wohlstand planmäßig errichtet und dabei die eigenen Kinder gefräßig verschlingt. Schlimmer noch: Die Protestkultur der 60er ist das trübste Schlupfloch für denjenigen, der die morsche, morastige Welt von innen her einreißen will. Mit Pasolini, dem fundamentaloppositionellen Kommunisten ohne schützende Heimat, ist moralisch nicht zu handeln: Was immer du tust, brüllt dieser Außenseiter - lass es lieber bleiben!

Regisseur Latella, ein Schüler des großen Vittorio Gassmann, zielt noch ein Stück höher. Er bedeckt das Establishment mit Schweinskopfmasken. Stopft die konkurrierenden Popanze der rheinischen Industrie mit Watte aus und lässt sie in atemloser Abfolge umeinander kreisen: artig sich verrenkend, ihre heißen, bösen Sätze wie auf abgeflachten Handtellern präsentierend.
Vorher waren Julian und Ida wie zwei gottverlassene Königskinder umhergetollt: splitternackt - denn wenigstens Ida möchte ihren verstörten, heiligen Prinzen zum Leben erwecken.

Doch wie sie ihn auch am Glied zieht, besteigt, bekniet und warm knetet: Der Revolutionär einer bis zum Erbrechen "toleranten" Gesellschaft kann es nun nicht mehr. Er geht zu den Schweinen. Foppt die Eltern. Verfällt als jugendlicher Bourgeois in Starrkrämpfe und Dulderposen. Die stechen merkwürdig ab vom hysterischen Rhythmus dieser wunderbaren, gehetzten Inszenierung, die Pasolinis Gleichnis auf die alte Bundesrepublik schwindelfrei hinüberhebt in Berlusconis wunderbar bunte Medienbetrugswelt. Eine Tragödie in moralischem Gewand.

Endlich dürfen sich die Festspiele mit einem Schauspielereignis schmücken: einem unbarmherzigen Abend in italienischer Sprache, der trotz Übertiteln eine vorherige Stücklektüre dringend nahe legt. Und die Besucher des Young Directors Project dürfen sich fragen, wer hier das Schwein ist: derjenige, der mitgrunzt. Oder derjenige, der träumt. Traumtheater. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11.8.2003)

Von
Ronald Pohl
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    Der liederliche Gesellschafts-körper in Pasolinis "Il Porcile - Der Schweinestall" glänzt rosa und verspricht einen kolossalen Nährwert. Gleich erforscht Julian (Annibale Pavone) sein Innenleben.

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