"Neue Leute werden gebraucht"

12. August 2003, 14:10
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Belgrad will die Armee reformieren und alte Kader säubern

"Veränderungen kann man nicht mit dem alten Kader durchführen. Um notwendige Reformen in den Streitkräften durchsetzen zu können, werden neue Leute gebraucht", erklärte der serbisch-montenegrinische Verteidigungsminister Boris Tadic.

Sechzehn Generäle und über 200 Offiziere versetzte der 40-jährige Minister kurzerhand in den Ruhestand, einige von ihnen wurden wegen "krimineller Tätigkeit" festgenommen. Und dabei soll es nicht bleiben: Ein Drittel des Offizierskorps soll entlassen, die 62.000 Mann und 9.700 Offiziere starke Armee halbiert werden, spekulieren serbische Medien. Unter Berufsoffizieren herrscht fast schon Panik, erstmals müssen sie um ihre Jobs bangen.

Der prowestlich orientierte Tadic ist sich der Probleme sehr wohl bewusst. Zumal die Reform der Polizei und der Sicherheitsdienste bisher kläglich gescheitert ist. Die meisten Leute, die Milosevic in seinen Feldzügen folgten und brutal mit der bürgerlichen Opposition in Serbien abrechneten, sitzen immer noch auf ihren Posten.

Die neuen, demokratischen Machthaber in Serbien hatten es nach der Wende vor drei Jahren nicht geschafft, die Kontrolle über den Sicherheitsapparat zu übernehmen. Dieses Machtvakuum führte letztendlich dazu, dass Serbiens Reformpremier, Zoran Djindjic, im März ermordet wurde.

"Radikal"

Nach dem Anschlag übernahm Tadic das Amt des Verteidigungsministers und versprach die Zustände im Heer "radikal" zu verändern. Der Widerstand der unter Milosevic privilegierten Offiziere dürfe nicht unterschätzt werden, warnte der militärpolitische Kommentator der Tageszeitung Politika, Ex-Generalstabsoberst Ljubodrag Stojadinovic. Im Offizierskorps herrsche eine "überholte stalinistische Mentalität". Die soziale Lage im Heer sei katastrophal, über 20.000 Berufssoldaten lebten als Untermieter, hätten miserable Einkommen, die Mannschaft sei dementsprechend unmotiviert.

Die Reform der Armee kann ohne ausländische finanzielle Unterstützung und ein soziales Programm für entlassene Soldaten jedoch nicht durchgeführt werden. Viele kampferprobte Soldaten werden nach ihrer Entlassung vom kriminellen Organisationen rekrutiert. Diplompsychologe Tadic rechnet vor allem auf die Unterstützung junger Offiziere. Die Priorität des Verteidigungsministers ist der Beitritt von Serbien und Montenegro zur Partnerschaft für den Frieden und danach zur Nato.

Die Bedingungen dafür sind: Reform der Streitkräfte, Abbruch militärischer Zusammenarbeit mit der serbischen Republik in Bosnien, Zusammenarbeit mit dem UN-Tribunal für Kriegsverbrechen in Den Haag und die Verhaftung und Auslieferung des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2003)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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