Umfassende Dokumentation zu Nürnberger Prozessen soll ins Netz

18. August 2003, 11:28
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Projekt der Harvard Law School liegt wegen Geldmangels auf Eis

Mehr als eine Million Seiten Dokumentation über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse (1945-1949) will eine Arbeitsgruppe der Harvard Law School ins Internet stellen. Das ambitionierte Vorhaben, das nach Einschätzung des Initiators und Hochschulbibliothekars Harry Martin bis zu zehn Jahre dauern und mehr als sieben Millionen Dollar (6,2 Mio. Euro) verschlingen könnte, liegt seit Juni auf Eis. Grund: Nach nur 7000 fertig gestellten Seiten ist der Mannschaft das Geld ausgegangen. Händeringend sucht sie nun neue Geldgeber für ihr Projekt, das Historiker mit Beifall begrüßt hatten.

Kopien des umfangreichen Nürnberger Archivs

Als eine von mehreren Hochschulen erhielt die Harvard Law School Kopien des umfangreichen Nürnberger Archivs. Es umfasst nicht nur Unterlagen, die als Beweismaterial in den Prozessen verwendet wurden, sondern auch große Mengen Zusatzdokumente, die in der Nachkriegszeit in ganz Europa gesammelt worden waren. 50 Jahre lang konnten Interessenten öffentlich auf das Archiv zugreifen. Martin glaubt jedoch, dass nur "ein paar Handvoll" Menschen diese Möglichkeit nutzten. Schließlich koste es einige Anstrengung, sich durch 1,03 Millionen Seiten zu kämpfen, die noch nicht einmal in einem Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind.

Für immer verloren

Die mehr als 50 Jahre alten Dokumente sind mit der Zeit brüchig geworden und könnten bald für immer verloren sein. Vor sechs Jahren entschieden Martin und sein achtköpfiges Team daher, die Seiten zu digitalisieren und ins Internet zu stellen. Zudem erklärten sie sich bereit, ein Inhaltsverzeichnis zu verfassen. Deborah Lipstadt, Autorin des Buches "Denying the Holocaust" (Leugnen des Holocaust), betont, das Projekt sei für künftige Studien über die Judenverfolgung enorm wichtig: "Man muss den Holocaust nicht zusätzlich dramatisieren oder Hintergrundmusik hinzufügen. Gerade wegen ihres sachlichen Charakters sind die Dokumente überaus aufwühlend und abschreckend."

Die Veröffentlichung der Dokumente im Internet wird zwar keine neuen Erkenntnisse bringen. Dennoch lobt auch einer der führenden Historiker des US Holocaust Memorial Museum in Washington, Peter Black, die Arbeit Martins und seiner Mannschaft: "Endlich können nicht nur Forscher, sondern auch Laien auf die Unterlagen zurückgreifen und sich selbst ein Urteil bilden." Die Sammlung könne in kurzer Zeit zu einer der wichtigsten Quellen in der Holocaust-Forschung avancieren.

"Im Moment hängen wir in einer Warteschleife"

Obwohl die Harvard Law School bereits seit Jahren eine qualitativ hochwertige Webseite zum Thema angeboten hatte, stellte sie vergangene Woche eine überarbeitete Version samt Inhaltsverzeichnis und Suchmaschine ins Netz. Eine Art Spendenaufruf, wie Martin zugibt. "Im Moment hängen wir in einer Warteschleife. Wann wir das Projekt zu Ende bringen, hängtallein davon ab, wann wir wieviel Geld eintreiben können." (APA)

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