Heftige Kritik an Strasser

12. August 2003, 19:05
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Nach tödlicher Schlägerei in Traiskirchen fordern Caritas, Diakonie und SOS-Mitmensch eine Kursänderung in der Flüchtlingspolitik

Traiskirchen - Eine Rauferei "wie auf dem Zeltfest" sei es gewesen, "mit Fäusten und Tischhaxen", erläutert Gerald Hesztera, Sprecher des Bundeskriminalamtes. Am Ende der bisher folgenreichsten Massenschlägerei Samstagabend in der Bundesbetreuungstelle Traiskirchen krümmten sich 15 Schwerverletzte am Boden. Ein 24-jähriger Tschetschene starb Stunden später im Spital: tödliche Kopfverletzungen.

Anlass zur gewalttätigen Entladung hatten spielende Kinder einer moldawischen Flüchtlingsfamilie gegeben. Sie lärmten abends um halb zehn, was andere aufregte: Tschetschenen, die aufgrund der Kriegssituation in ihrem Heimatland auf Angehörige von Volksgruppen aus der ehemaligen Sowjetunion schlecht zu sprechen sind. Die dennoch nahe der Moldawier untergebracht waren.

Eskalation

Die Streiterei wurde handgreiflich, die Handgreiflichkeiten eskalierten: "Um 22 Uhr haben sich 200 Menschen an der Prügelei beteiligt", rekapituliert Hesztera. Er ist um um Beruhigung bemüht: Als um halb zwölf der letzte von "rund 100 Polizisten" aus einem "zum Glück in der Nähe stattfindenden Planquadrat" eingetroffen sei, "war das Schlimmste schon vorbei".

"Die Hitze" oder Betreuungsmängel?

Hesztera macht für die Massenschlägerei vor allem "die Hitze" verantwortlich. Michael Chalupka von der Diakonie sieht das anders: "Es liegt hauptsächlich am Mangel an Beratung." In Traiskirchen lebten schwer Traumatisierte Tür an Tür mit Menschen, die sie als potenzielle Feinde betrachteten. Eine Situation, die "viel Sozialarbeit und Mediation" nötig mache.

Dies jedoch könne die seit 1. Juli 2003 für das Lager Verantwortliche - die deutsche Firma European Homecare - nur in Ansätzen bieten, ergänzt Philipp Sonderegger von der Menschenrechtsorganisation SOS-Mitmensch. Aus Kostengründen: European Homecare habe dem "umfassenden Betreuungskonzept von Caritas, Diakonie, Volkshilfe und Rotem Kreuz" ein "Dumpingangebot" entgegengesetzt, dem Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) letztlich den Zuschlag erteilt habe: "Für die Eskalation ist Strassers Vergabepolitik verantwortlich", so Sonderegger.

Entsetzliche Situation

Caritas-Präsident Franz Küberl appellierte an Innenminister Ernst Strasser: "Aus dieser entsetzlichen Situation muss gelernt werden!"

Auch nach der Ausgliederung der Flüchtlingsbetreuung müssten weiter "Qualitätsstandards" beachtet werden, forderte Küberl. Jeder, der "ein bisschen Ahnung vom Umgang mit Flüchtlingen" habe, wisse, dass es sich um "arbeitsintensive Tätigkeiten" handle.

Im niederösterreichischen Traiskirchen ist seit 1. Juli 2003 die deutsche Firma European Homecare für die Versorgung der Asylwerber zuständig.

Die am Raufhandel beteiligten Moldawier wurden am Sonntag indes verlegt. Zwei Männer aus Moldawien wurden festgenommen. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2003)

von Irene Brickner
  • Tristesse im Flüchtlingslager Traiskirchen
    foto: standard/cremer

    Tristesse im Flüchtlingslager Traiskirchen

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