Jonestown ist überall

17. August 2003, 23:37
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Henning Mankells neuer Krimi über eine fundamentalistische Sekte

Zwei geheimnisvolle Ouvertüren hat Henning Mankell diesmal vor den Anfang seines neuen Romas gestellt.

Die eine erzählt, wie ein Mann durch Zufall dem Massaker von Jonestown entkommen und danach untergetaucht ist.

Die zweite Episode berichtet von einem Mann der viele Jahre später an der Küste von Schonen Schwäne in Brand steckt und zusieht, wie die Tiere brennend wegfliegen und ins Meer stürzen. Nach diesen Unheil verkündenden Vorzeichen versetzt uns der Autor in das prekäre Zusammenleben von Kommissar Kurt Wallander und dessen Tochter Linda, die gerade die Polizeihochschule absolviert hat und bis zu ihrem offiziellen Dienstantritt am 11. September 2001 bei ihrem Vater wohnt.

Die Abgrenzung fällt beiden schwer; Wallander ist wie immer mürrisch und in sich gekehrt, unfähig Emotionen zuzulassen, es sei denn, er hat gerade einen Wutausbruch. Linda bleibt ihm nichts schuldig, sie wirft ihrem Vater kurzerhand vor, deshalb so unmöglich zu sein, weil er dringend jemanden zum Vögeln brauche. Die zeitweilige häusliche Disharmonie wird jedoch bald von anderen Problemen überschattet.

Um die Zeit herumzubringen, trifft Linda ihre alten Schulkolleginnen wieder. Eine von ihnen verschwindet spurlos, und Linda setzt sich in den Kopf, dass dieser Anna etwas passiert sein müsse. Wallander tut das erst als Hirngespinst ab, doch Linda lässt nicht locker. Und ganz allmählich stellt sich ein Zusammenhang her zwischen den grausamen Tiermorden, brennenden Landkirchen und erdrosselten Frauen.

Die Schwierigkeit, Wallanders Tochter so in das Geschehen einzubauen, dass sie sozusagen ganz von selbst in die Dienststelle ihres Vaters integriert wird, wird mit Hilfe von ein bisschen vielen Zufällen bewerkstelligt.

Wie Mankell angekündigt hat, wird er sich beim Generationenwechsel seiner Ermittler der konkreten Erfahrungen einer anonym bleiben wollenden jungen schwedischen Polizistin bedienen. Viel ist von der weiblichen Perspektive noch nicht zu merken. Aber Linda hat ja gerade erst begonnen in Ystad, am 11. September.

Das plakative Datum weist darauf hin, worüber Mankell vor allem reflektiert: Wie deformiert muss ein Mensch sein, dass er sich in ein selbst erklärendes, geschlossenes System einsperren lässt und einem charismatischen "Führer" bis in den Tod folgt? Was veranlasst Menschen im Sinne einer wie immer gearteten höheren Macht, Andersdenkende umzubringen und dabei überzeugt zu sein, die Welt zu retten, weil es, wie diesmal die Überzeugung lautet, endlich wieder christliche Märtyrer geben muss?

Es geht also nicht um islamische Fanatiker, Mankell schildert die innere Dynamik der Entmenschlichung in einer fundamentalistischen christlichen Sekte. Und die unterscheidet sich in nichts von den islamischen Terroristen.

Aber, bemerkt Wallander, es wäre ganz falsch, solche Leute einfach als Verrückte abzutun, weil man dann die Gefährlichkeit dieser Prozesse unterschätzen würde. Es gibt jedenfalls nichts so Abwegiges, als dass es durch die Interpretation diverser heiliger Schriften nicht irgendwie gerechtfertigt werden könnte. Freilich macht Mankell auch deutlich, dass Menschen, die sich mit Haut und Haar rigiden Systemen verschreiben, bereits vorher beschädigt sein müssen. Jonestown ist überall möglich.

Zunächst recht spannend aufgebaut, steuert das Geschehen auf eine vorhersehbare Kulmination hin. Linda Wallander hat die Bühne betreten. Der Schatten des Vaters ist noch lang. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 09.08.2003)

Henning Mankell, Vor dem Frost. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. € 26,50/540 Seiten. Zsolnay Verlag, Wien 2003.
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