Die Welt ging auch schon früher unter

15. August 2003, 20:41
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Denis Johnsons schwülstiges postapokalyptisches Frühwerk "Fiskadoro"

Ich bin einer von vielen desorientierten, verzweifelten Menschen. Und viele von uns haben das Gefühl, dass das System, das dazu geschaffen wurde, unsere Freiheit zu garantieren, gescheitert ist. Und manche fragen sich nun: Wie bringen wir es wieder in Ordnung? Andere: Wen bringen wir um?" Denis Johnson, 2003.

Denis Johnson zählt zu jener handverlesenen Schar von US-Autoren, die im Dunstkreis von großen etablierten Namen wie Philip Roth oder neueren Kräften wie David Foster Wallace zu jenen Schreibern zählt, deren Gehalt immer auch an der aktuellen gesellschaftlichen Relevanz gemessen wird, die ihren Romanen innewohnt.

Insofern tauchen auch im Zusammenhang mit seinem Namen regelmäßig rezeptorische Allzweckmuster auf, die zwischen den Begriffen "Abbild" und dem beigestellten Adjektiv "visionär" kein Und und Oder kennen. Hinkende Vergleiche sind ja doch immer die schönsten. Selbst wenn wir es hier mit einem von seiner Biografie her klischeehaften Schriftsteller zu tun haben: Johnson wandelte sich im Laufe seines Lebens vom Drogen fressenden Sechziger-Jahre-Hippie, Rinnstein-Alkoholiker und verwahrlosten Tramp zum wiedergeborenen Christen. Und er wird heute längst nicht mehr in Frage gestellt als Chronist des "Außenseiter-Daseins am Rande der amerikanischen Gesellschaft", ganz im Sinne seines tatsächlichen Lehrmeisters, dem Kurzgeschichten-Genie Raymond Carver. Man kann also hier durchaus den Refrain einer alten Nummer der australischen Underground-Kapelle The Go-Betweens pfeifen: "The old way out is now the new way in". Die oftmals von seiner Leserschaft als "bedrückend" und "desillusionierend", also als "wahrhaftig" im Sinne von US-Verwahrlosungs-Ikone Charles Bukowski aufgenommenen Bücher über die Realität von Fiktion gelten heute beim Bösen, Wahren und Hässlichen gerade deshalb als absolutes Muss.

Dabei wurde Johnson für den deutschen Markt erst relativ spät entdeckt. Mit der Verfilmung seiner Prosasammlung Jesus' Son und darauf folgenden Lizensierungen seiner Werke Engel und Schon tot handelte man den mittlerweile in den Wäldern von Idaho hausenden Eigenbrötler erst mit einem halben Jahrhundert Erdenjahren auf dem Buckel als dank Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides jährlich wechseln müssende Hoffnung. Johnson ist einem Untergenre verpflichtet, das sich literarischen Mehrwert mittels drastischer Reduktion von dichterischer Überhöhung hin zu den "cold hard facts of life" auf Busbahnhöfen, in Trailer-Parks und in Ausnüchterungszellen dichtet.

Hier geht es immer wieder neu um den Weltuntergang für Individualreisende. Diese führte er vor allem in Engel, einer mit alttestamentarischer Wucht zwischen Tom Waits und Johnny Cash knapp und präzise erzählten Himmelfahrts- als Höllentrip-Ballade tatsächlich zur Spitze zeitgenössischer US-Literatur. Johnsons Devise ist ebenso pathetisch wie notwendig für ein Jahrhundertbuch, das auf dem elektrischen Stuhl mit einer Engelserscheinung endet: "Schreib nackt, schreib aus dem Exil, schreib mit Blut." Dass aber selbst gestrenge Meister einmal Lehrgeld gezahlt haben, zeigt sich jetzt bei seinem erstmals auf Deutsch vorliegenden Roman Fiskadoro. 1985 in den USA während einer real greifbaren Angst vor einem Atomkrieg geschrieben, entwickelt Johnson im postapokalytischen Nordamerika eine Heilsgeschichte mit ungewissem Ende. In ihrer brockenhaften, nur wenig auf stringente Handlung setzenden Konzeption entwickelt die aus dem gegensätzlichen Paar Schwulst und Verknappung gebildete Vita des im an beste Mad Max- und Waterworld-Zeiten gemahnenden Miami hausenden Fischerjungen Fiskadoro als Heiland der Endzeit eine süßliche Schwere. Man findet sie sonst höchstens noch in Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara. Der Islam regiert hier ebenso wie die atomare Verstrahlung. Rettung erhofft man sich über bizarre Voodoo-Rituale sowie eine rettende Flotte aus Kuba. Die sendet übers Radio Jimi Hendrix. Wieder einmal sind die USA untergegangen. Excuse me, when I kiss the sky! (Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 09.08.2003)

Denis Johnson, Fiskadoro. Deutsch von Ute Spengler. (€19,90,-/254 Seiten), Rowohlt, Reinbek, 2003.
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