Wie ein Springer auf einem Schachbrett

17. August 2003, 23:37
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Der italienische Philosoph Antonio Negri entfaltet im Interviewband "Rückkehr" ein "biopolitisches ABC"

Bitte nicht wegen des eher hilflosen Untertitels dieses Buch wieder zurück ins Regal stellen! Trotzdem lesen! Aber: Alphabet eines bewegten Lebens - das ist schon Verharmlosung durch Pathos bei einem Denker und Aktivisten, bei dem Arbeit, Politik und Leben derart singulär in eins zusammen fallen, dass er sich in der Originalausgabe von Rückkehr (Du retour) lakonisch bestenfalls die Formulierung eines Abécédaire biopolitique gestattete: schon hier in mehrfachem Sinn. Einerseits dem einer Sammlung von autobiografischen Skizzen zu höchst privaten Verstrickungen in Machtkämpfe: Antonio Negris Involviertheit in die italienische Protest-und Arbeiterbewegung der 60er Jahre ist Legende, erst recht nach seiner Verurteilung als - was er immer bestreitet, gewesen zu sein - "Kopf" der "Roten Brigaden", seiner Flucht nach Frankreich, 1997 schließlich seiner Rückkehr nach Italien, wo er heute, ähnlich wie der einstige Lotta-Continua-Führer Adriano Sofri, eine Haftstrafe verbüßt.

Biopolitik - "die Tatsache", so Negri, "dass die Macht darauf zielt, sich in das Leben selbst einzuschreiben" (später spricht er dann etwa auch vom Krieg als "biopolitischer Maschine"): Dieser Ausgangspunkt gibt sowohl den Erinnerungen wie auch den theoretischen Ansätzen, die Negri im Gespräch mit der französischen Journalistin Anne Dufourmatelle alphabetisch strukturiert, etwas Körperschweres: Vertrauen erweckend, verführerisch, verletzlich.

Aber vielleicht liegt darin auch ein Teil des immensen Erfolgs jener Globalisierungs-Analyse begründet, die Negri noch in Frankreich gemeinsam mit dem US-Philosophen Michael Hardt verfasste: Empire räumte auf mit der "Globalisierungsfallen"-Depression und stellte dagegen die Frage, wie sich denn nun eine Menge ("Multitude") starker Individuen in einer hybriden Welt positionieren müsste: Trotz einer völligen Verkehrung des mittlerweile fast schon zu Tode zitierten Clausewitz'schen Verdikts, demzufolge der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Heute, so Negri in Rückkehr, "ist der Krieg zu einem Ordnungsfaktor geworden, während der Frieden für Unordnung sorgt" - in einem "Empire", in dem man sich nicht mehr distanzierend nach "außen" begeben kann, weil es dieses "Außen" schlicht nicht gibt. Negris beständige Frage also: Wie definiert man dann Widerstand, Protest - gerade auch in einer Art von "Exodus", Nichtverfügbarkeit für die Regulative der global players?

Im Fall Antonio (oder, wie er als Aktivist bevorzugt genannt wurde: Toni) Negris sind dies bis in die eigenen akuten Lebens- und Körperkonsequenzen konkrete Fragen, fernab jeder flotten politischen Weltverbesserungsrezeptur. Der heute 69-jährige Philosoph liest, lebt, liebt in voller Intensität - und dies macht Rückkehr über die relativ simple, aber knifflige ABC-Struktur hinaus nur noch reicher. Man könnte diese Memoiren als einen Versuch über Italien heute lesen: Über ein "soziales Laboratorium" (Michael Hardt) mitten in einem Europa, das mit gewalttätigen Umbrüchen konfrontiert ist - und gleichzeitig die eigenen, internen Gewaltmechanismen verdrängt. Die Wucht des Bildes von "Freigängern" wie Negri oder Sofri bzw. deren Vorgeschichte in der europäischen Linken ist gar nicht genug zu betonen, um die prekäre Lage der Intellektuellen kristallin auszustellen.

Rückkehr funktioniert in diesem Sinne aber auch als geradezu klassische Erzählung, in der sich neorealistische Momente aus der Lombardei der Nachkriegszeit fast schleichend hinüber schreiben in eine Vergegenwärtigung mythischer Schlüsselmomente. Ovid im Exil, an ihn muss man denken, wenn Negri, immer ganz nahe am Körper, schließlich über unausweichliche Metamorphosen spricht: "Ich habe einmal einen Text geschrieben, in dem ich jene klassische Antike ein ,Zeitalter der Zentauren' nannte, weil damals totale Verwirrung zwischen Mensch und Natur herrschte. Die Metamorphose war einfach eine glückliche und direkte Reziprozität." Von dort ausgehend blickt Negri - skeptisch, aber ohne verlogenen Moralismus - auf die gegenwärtigen Lockungen der modernen Technologien: "Das ist ein enormer Wandel: Wir können den Menschen modifizieren und den Traum der Metamorphose von der Utopie zur Wissenschaft werden lassen. Welch ein uns noch unbekannter Weg taucht da auf..."

Negri hat für sich die Erfahrung gemacht, wie man mit Sichtbehinderungen auf einen weiteren Horizont umgeht, ohne zu verzweifeln (wahrlich bewegend sind seine Blicke aus Gefängnisfenstern). Er schafft in einem beständigen Wechsel zwischen philosophischen Vergegenwärtigungen etwa von Spinoza, Wittgenstein, Heidegger und privaten Ausführungen beständig neue Durchlässigkeiten, Nischen, in denen Flechten des Widerstands gedeihen könnten - eine Selbstbehauptung gegen die Große Eingemeindung, die sich aber neuen Möglichkeiten und Traumverwirklichungen nicht verschließt, weil sie sonst wirklich nur utopische, weltferne, schmucke selbstgefällige Träumerei wäre. So gebunden, wie Negri gegenwärtig rein von der Warte eines Häftlings aus immer noch ist, so sehr sucht er gleichzeitig, sich möglichste Beweglichkeit zu bewahren.

Und insofern ist die starke Bewegung einer "Rückkehr" (nach Italien ebenso wie zu den Grundfragen oder auch einfach in Vergegenwärtigung "alter" Positionen, die jetzt zu wenig nutzbar gemacht werden, weil sie nach dem Fall diverser Mauern für obsolet gehalten werden) für Antonio Negri tatsächlich zentral: "Für uns, die wir 1968 gemacht haben, bedeutet zurückzukehren, zurückzukommen, dass wir schaffen, was wir in den siebziger Jahren intuitiv vor uns sahen und was etwa bei den Globalisierungsprotesten in und rund um Genua bestätigt wurde: neue Figuren politischer Subjekte, die Entwicklung des Kommunismus. Die Rückkehr ist der Ausdruck, dem es gelingt, Widerstand und Zukunft zu verbinden, oder besser: den Widerstand durch eine Verschiebung von Raum und Zeit in die Zukunft zu projizieren. In meinem Fall ähnelt die Rückkehr ein wenig dem Zug des Springers auf dem Schachbrett."

An Empire wird übrigens bereits weiter geschrieben. "Es geht darin um die Analyse der Macht, ihrer neuen Organisationsformen und einer ganzen Reihe von bisher unbekannten Eigenschaften. (...) Außerdem wird sich ein wesentlicher Teil mit dem Krieg beschäftigen oder, anders gesagt, mit den Fragen, was den Klassenkrieg kennzeichnet und was den zwischen Nationen, wie sich diese Muster entwickeln und welcher Typus von Krieg dem Empire der Gegenwart entspricht..." Wie sehr Negri und Hardt dabei auch auf die jüngsten Umwälzungen im Gefolge von 9/11 eingehen werden, deutet ein Interview im Anhang der deutschen Ausgabe von Rückkehr an, das der Übersetzer Thomas Atzert heuer mit Negri führte: "Der imperiale Krieg ist eine Unternehmung, die ihre Rechtfertigung in sich trägt. Deshalb können wir nicht mehr im traditionellen Sinne von einem ,gerechten Krieg' sprechen. Es handelt sich um einen ,ordnenden Krieg', einen Krieg, der die Legitimität begründet." (Claus Philipp/DER STANDARD; Wochenendeausgabe, 09.08.2003)

Antonio Negri, Rückkehr. Alphabet eines bewegten Lebens. Gespräche mit Anne Dufourmantelle. Aus dem Französischen von Thomas Atzert. € 17,90/238 Seiten, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2003
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