Sandkasten und erste Lieben

8. August 2003, 20:56
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Wie definieren Sie Freundschaft? Gibt es Kernelemente, die unabhängig von Alter und Geschlecht immer in einer freundschaftlichen Beziehung zu finden sind?
Jellouschek: Freundschaft wird da möglich, wo "Gleichklang" zwischen Menschen entsteht. Gleichklang in einem doppelten Sinn: dass vieles ähnlich erlebt, gesehen, beurteilt wird, dass der eine den anderen als eine glückliche Ergänzung erlebt, so wie bei verschiedenen Tönen, die zusammen eine Harmonie ergeben. So erleben Menschen in der Freundschaft eine genaue "Passung".

Wie würden Sie einen wahren Freund definieren?
Jellouschek: Zu einer tiefer gehenden Freundschaft gehören sicherlich Verlässlichkeit, wechselseitiges Vertrauen und eine gewisse Dauer. Denn der Gleichklang schafft Nähe, die ebenfalls ein wichtiges Element von Freundschaft darstellt. Die Erfahrung von Nähe ist aber immer wieder gefährdet, wenn ich mich nicht auf den anderen verlassen und ihm nicht vertrauen kann, dass er "für mich da ist", wenn ich ihn brauche - nicht in jedem Moment, aber doch in der Regel.

Welche Rolle spielt die Zeit, die man miteinander verbringt? Brauchen Freundschaften regelmäßigen Kontakt?

Jellouschek: Eine rein mentale Freundschaft kann vielleicht auch über E-Mail gepflegt werden. Eine ganzheitliche Freundschaft braucht aber sicher auch sinnlichere Elemente, also die direkte Begegnung und unter Umständen auch Berührung und Körperlichkeit, und zwar mit einiger Regelmäßigkeit. Dabei ist natürlich die Qualität der Begegnung wichtiger als die Häufigkeit. Durch zu große Entfernung über lange Zeit allerdings kann eine Freundschaft überfordert werden und erkalten.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Auswahl der Freunde?Was sind die Wahlkriterien von Frauen- und von Männerfreundschaften?
Jellouschek: Neben dem, was für beide gleich ist und was ich mit Gleichklang charakterisiert habe, steht bei Frauen in der Regel die Beziehung selbst stärker im Vordergrund und der Austausch darüber. Männer sind dagegen "instrumenteller" orientiert. Sie pflegen Freundschaften eher im gemeinsamen Tun und diskutieren Sachthemen. Die Beziehung selbst zu reflektieren liegt ihnen - tendenziell gesprochen - weniger.

Was ist das Wertvolle an gleichgeschlechtlichen Freundschaften?
Jellouschek: Während bei gegengeschlechtlichen Freundschaften das Erlebnis des faszinierenden Anders-Seins im Vordergrund steht, ist es bei gleichgeschlechtlichen Freundschaften eher das Erleben der grundlegenden Gleichheit. Ich erlebe mich unter "meinesgleichen": als Mann unter Männern, als Frau unter Frauen. Deshalb sind in der Regel gleichgeschlechtliche Freundschaften weniger kompliziert, aber auch weniger faszinierend.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede, woran und nach welcher "Verfehlung" gleichgeschlechtliche Freundschaften zerbrechen?
Jellouschek: Schwerer Vertrauensbruch und Unzuverlässigkeit - das ist wohl für beide gleich. Natürlich kann eine Freundschaft auch langsam erlöschen: dadurch, dass man verschiedene Entwicklungen macht, die Gemeinsamkeiten immer mehr verschwinden und man einander fremd wird.

Paarbeziehungen scheitern heutzutage sehr oft. Sie schreiben in Ihren Büchern - etwa in "Die Kunst als Paar zu leben" - von der Bedeutung von Freundschaften außerhalb der Paarbeziehung. Warum sind diesen Freundschaften so wichtig für Paare?
Jellouschek: Kein Partner kann für den anderen alles sein. Es entlastet die Paarbeziehungen sehr, wenn man bestimmte Seiten seiner Persönlichkeit mit anderen lebt - soweit das "beziehungsverträglich" bleibt. Damit meine ich: Der Partner muss mit den Außenkontakten des anderen einverstanden sein können. Und das kann er am ehesten, wenn er zu der weisen Einsicht gekommen ist, dass er für den anderen nicht alles sein kann.

Sie schreiben, dass Freundschaften zwischen Mann und Frau außerhalb einer Paarbeziehung wichtig sind. Diese Freundschaften können dabei auch durchaus körperliche Berührungselemente aufweisen. Liegt darin nicht auch die Gefahr, dass gerade dadurch der Beginn einer Affäre ausgelöst werden kann?
Jellouschek: Solche Gefahren sind immer vorhanden, wenn Männer und Frauen, die nicht verheiratet sind, einander begegnen - in welcher Weise auch immer. Und: Die Toleranzschwellen einzelner Paare sind hier sehr unterschiedlich. Jedes Paar muss für sich selber aushandeln, was es noch als "beziehungsverträglich" empfindet und wo es den Raum seiner Intimität verletzt fühlt. Und daran müssen sich die Partner auch halten, wenn sie ihre Beziehung nicht in Gefahr bringen wollen.

Scheitern Beziehungen auch daran, dass Partner untereinander zu wenig Freunde sind?
Jellouschek: Man ist mit Freunden oft toleranter als mit dem eigenen Partner, weil man denen weniger nahe "auf der Pelle hockt". Am Partner, mit dem man eng zusammenlebt, reibt man sich eben leichter. Wenn mit "Freunde sein" gemeint ist, dass zum Partner oft ein größerer achtungsvoller Abstand gut täte, damit man nicht vergisst, dass er "ein anderer" ist und nicht die Erweiterung unseres eigenen Ich, dann kann ich dem nur zustimmen.

Würden Sie bejahen, dass es Freundschaften gibt, nennen wir sie Sandkastenfreundschaften, die in frühester Kindheit entstanden sind, dann auch unterbrochen sein können, aber jedenfalls im späteren Leben eine besondere Bedeutung spielen? Ist ein "Sandkastenfreund" eine besonders tiefe Verbindung ein Leben lang?
Jellouschek: Solche Sandkastenfreundschaften gibt es tatsächlich. Da ist offenbar eine so tiefe Seelenverbindung entstanden, eine Begegnung im "Person-Kern", dass sie Jahrzehnte überdauert. Es ist, als hätte man sich gestern erst verabschiedet, wenn man sich nach Jahren wieder trifft. So etwas Ähnliches gibt es übrigens auch bei "ersten Lieben", aus denen keine Partnerschaft geworden ist, und trotzdem kann über Jahrzehnte hin eine innere Verbindung bestehen bleiben. []

Von Hans Jellouschek (gebürtig in Linz, 64 Jahre alt) sind zahlreiche Publikationen zum Thema erschienen, zumeist in den Verlagen Herder, Piper und Walter. Hingewiesen sei vor allem auf: Bis zuletzt die Liebe. Als Paar im Schatten einer tödlichen Krankheit. Herder-Verlag 2002.

Viele Wege führen zur Freundschaft. Hans Jellouschek, Theologe, Eheberater und Lehrtherapeut für Transaktionsanalyse in Tübingen, hat sie erkundet. Mit ihm sprach Claudia Koreimann.
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