Großer Wurf - Im Prinzip unzerstörbar

17. August 2003, 23:19
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Philia, die Freundschaft, war den Griechen heilig. Bei Empedokles war es das Band der Freundschaft, das die Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft zu einer kosmischen Ordnung zusammenfügte, bei Aristoteles wird Freundschaft zu einem zentralen Moment des Zusammenlebens von Menschen, er skizziert in Grundzügen jene "Politik der Freundschaft", auf die sich erst jüngst Jacques Derrida wieder bezogen hat.

Freundschaft, so Aristoteles' gewagte These, sei noch bedeutsamer als Gerechtigkeit, denn unter Freunden bedarf es der Gerechtigkeit nicht, wohl aber bedürfen auch Gerechte der Freundschaft. Freundschaft, besser: die Fähigkeit zur Freundschaft ist bei Aristoteles eine Tugend, gekennzeichnet durch Aufgeschlossenheit und Verbindlichkeit, angesiedelt in der Mitte zwischen berechnender Schmeichelei und abwehrender Selbstverhärtung. In der auf Dauer gestellten und durch wechselseitige Achtung und Verlässlichkeit charakterisierten Freundschaft kann der Mensch - so das antike Ideal - am besten seinem ursprünglichen Motiv nach Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit folgen.

Die Wiederentdeckung der Antike seit der Renaissance führte auch zu einer Wiederbelebung der Freundschaft als Form des Zusammenlebens, allenthalben entstanden die Zirkel der Humanisten als Freundeskreise, und das schwärmerische späte 18. Jahrhundert gab sich überhaupt einem sentimentalen, gefühlsbetonten Freundschaftskult hin: "Wem der große Wurf gelungen / eines Freundes Freund zu sein..." tönt es in Schillers "Ode an die Freude".

Solch Überschwang hat keinen Geringeren als Immanuel Kant dazu bewogen, vor diesem "Steckenpferd der Romanschreiber" zu warnen. Freundschaft, so der Königsberger Philosoph, darf im Gegensatz zur erotischen Liebe nicht auf einem unmittelbaren Affekt beruhen, weil "dieser in der Wahl blind und in der Fortsetzung verrauchend" ist. Gegenüber dem Rausch der Sinne muss Freundschaft auf wechselseitiger Zuneigung, Respekt und Achtung beruhen, ihre Dauer und Stabilität gewinnt sie letztlich aus einem moralischen Anspruch, was bedeutet, dass Freundschaften nicht "auf wechselseitigen Vorteil abgezweckt" werden dürfen. Jeder, der rasch Freunde verliert, weil er ihnen keinen Nutzen mehr bringt, weiß spätestens dann, dass Kant, wie so oft, Recht hatte. []

Im Prinzip unzerstörbar

Fortsetzung von Seite 2
eine Vorlesungsreihe an der Universität Cambridge vorbereitete, die zwar nicht direkt von Freundschaft handelt, aber vom Aufbrechen kontinuierlicher Lebensläufe, von der Flexibilisierung des Menschen und damit einer Auflösung von tragfähigen, unverbrüchlichen sozialen Bindungen zwischen den Menschen, zu denen auch die Freundschaft gehört.

Der flexible Mensch hieß das daraus hervorgegangene Buch in der deutschen Übersetzung. Der Originaltitel, The Corrosion of Character, fasst die Kernthese präziser zusammen. Die traditionelle Vorstellung ist, dass einzelne Ereignisse in einem Lebenslauf, aufeinander aufbauend, eine Persönlichkeit prägen und, wie in einer Erzählung oder in einem Entwicklungsroman, in Summe einen Charakter formen. Im Charakter, schreibt Sennett, Horaz zitierend, bilden sich jene Eigenschaften und Werte ab, die wir an uns selbst schätzen und an denen wir auch von den anderen gemessen - und geschätzt - werden wollen.

Was aber passiert damit in einer ungeduldigen Welt, in der gemachte Erfahrungen und erworbene Kenntnisse ein immer kurzfristigeres Verfallsdatum haben, die nicht Entwicklungen, sondern nur den Augenblick der Gegenwart schätzt und sich in ständiger Veränderung befindet? Oder, was die Freundschaft anlangt, was ist, wenn die "Übereinstimmung zweier Willen" in jedem Augenblick zurückgenommen werden kann?

Dann entsteht eine ziemlich ungemütliche Umgebung mit ruppigen Umgangsformen, in der man auf alles gefasst sein muss - etwa, dass Santa auf Jesus einhaut. Aber am Ende versöhnen sie sich.

Freundschaft im traditionellen Sinn setzt voraus, dass sich ein Lebensweg einigermaßen linear zu entwickeln vermag, sodass sich Übereinstimmungen mit anderen einstellen können. Routinen waren die Regel, Risiken und Brüche die Ausnahme. Gemeinschaft ließ sich entlang dieser Linien gut festlegen, weshalb in Männerfreundschaften immer aufs Neue Bierflaschen geöffnet und gemeinsam geleert wurden, während in Frauenfreundschaften die Konkurrenzen um Partner in den Hintergrund zu treten vermochten.

In einer Gegenwart mit Teams (und Lebensabschnittspartnerschaften), die für jede Aufgabe neu bestimmt werden, geht das nicht lange gut. Und dennoch, so Sennett, wird rasch klar, dass gerade in solch einem zersplitterten, flexibilisierten Umfeld auf längere Sicht erst recht keiner "sich selbst genug" sein kann.

Also bleibt die Freundschaft à la South Park als Option.

Einer kommt in (fast) jeder Episode abhanden, ist beim nächsten Mal aber wieder dabei. Freundschaft will abgegolten sein, hier und jetzt. Doch kluge Menschen halten den Wechselkurs flexibel. Und im Übrigen hat sich South Park, neben der TV-Serie, über ungezählte Internet-Fan-Seiten längst verselbstständigt, ist allgegenwärtig und abrufbar, also im Prinzip unzerstörbar - wenngleich eine riskante Angelegenheit. Man weiß nie, was als nächstes passiert.

In diesem Sinn ist "Freundschaft" nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel geworden, durchlässiger zwischen den Geschlechterrollen, nicht mehr so allumfassend, doch demokratisch alltagstauglich. Solche Freundschaften sind vielleicht weniger erwachsen, folglich ungeeignet als Gruß und Organisationsprinzip, konfliktreicher, ja streitlustiger, also kindlicher, wie im Sandkasten, wo auch offen bleibt, wie lange das gemeinsame Kuchenbacken funktioniert. Aber immerhin, Freundschaft bleibt eine Möglichkeit. []

Der Autor ist Berater und Journalist mit Schwerpunkt Kultur und Kommunikation. Arbeitet an dem Buch "Das launische Publikum". www.wischenbart.com

Ein philosophisches Wörterbuch von Konrad Paul Liessmann. Drittens: Freundschaft
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