Im Prinzip unzerstörbar

8. August 2003, 20:56
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Es war ein sonniger 1. Mai, als ich, den Kinderwagen vor mir herschiebend, in den Rathausplatz einbog, während ein Redner im teuren Anzug und einer roten Nelke im Knopfloch zu meinem großen Erstaunen mehrmals die Worte "Genossinnen und Genossen" aussprach. Ich bin mir rückblickend zwar nicht mehr ganz sicher, ob er auch den traditionellen sozialdemokratischen Gruß "Freundschaft" über die Lippe brachte.

Doch wirklich seltsam ist, dass - von heute aus betrachtet - jener sozialdemokratische Parteivorsitzende, der zuvor eine Karriere als Banker absolviert hatte, womöglich der letzte Politiker wurde, dem man sein rhetorisches Bekenntnis - also etwa Gemeinschaft, Solidarität, Eintreten für Werte eines sozialen Zusammenhaltes, der über Geld und Status hinausreicht - als persönliches Anliegen abnahm. Der Nadelstreif-Sozialist - wie er anfangs bespöttelt wurde - wurde in der Erinnerung zum letzten, späten Repräsentanten zumindest eines Gesellschaftsgefühls, das so etwas wie gültige Dauer vorsah.

Wenige Monate nach diesem 1. Mai und weit weg von Wien beauftragte Brian Graden, ein Manager des amerikanischen TV-Netzwerks Fox, die beiden Cartoon-Künstler Matt Stone and Trey Parker, ein Weihnachtsvideo für Freunde und ausgewählte Kunden herzustellen. Das Ergebnis, das tatsächlich an rund achtzig Leute verschickt wurde, zeigte unter dem Titel "The Spirit of Christmas" eine wüste Keilerei zwischen Santa Claus und Jesus, die sich streiten, wem Weihnachten letztlich gehöre ("Santa: Yaaaahh! Jesus: Yoooahh!").

Der schreckliche Streit wird unvermittelt geschlichtet und die Situation gerettet durch das mutige Eingreifen von drei Freunden, Stan, Kyle und Cartman. (Kenny, der Vierte im Bunde, kam gleich zu Beginn der Story durch einen Unfall abhanden, und auch der kurze Gastauftritt von Eislauflegende Brian Boitano tut hier nichts zur Sache.)

Stan, Kyle, Cartman und der fast in jeder Folge unglücklich zu Tode kommende Kenny, die vier achtjährigen Freunde, haben seither als Helden der Cartoon-Serie "South Park" weltweit Karriere gemacht. Keinem anderen Kinder-Freundeskreis seit Donalds Neffen Tick, Trick und Track ist es wohl gelungen, so präzise ihre Zeit zu verkörpern, und kein anderes Epos macht ähnlich deutlich, wie sehr die Welt, der eine Freundschaft standhalten muss, zu einer schwierigen, ständig mit neuen Konfrontationen aufwartenden Umgebung geworden ist.

Freundschaft ist, in der Definition von Michel de Montaignes berühmtem Essay "De l'Amitié", "eine Übereinstimmung zweier Willen". Es geht um einen Zusammenhalt aus sich heraus, ohne Ziel wie etwa in der Liebe, ohne Absicht, und ohne absehbare Grenze in der Zeit. Freundschaft ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Die Übereinstimmung schafft Geborgenheit und Sicherheit. Das gilt für Individuen ganz wie für eine weltanschauliche Gemeinschaft (was eben der sozialdemokratische Gruß "Freundschaft" ausdrücken soll) - und letztlich auch für Kenny, Stan, Kyle und Cartman in der verrückten Umwelt des gar nicht fiktiven Kleinstädtchens von South Park, einem Spiegel der ganz realen Erwachsenenwelt. Anschaulich heißt es im Titelsong zur Fernsehserie: "Meinen Kummer lass ich hinter mir (...) komm mit nach South Park und triff ein paar Freunde von mir!"

Doch was ist das für eine Welt, in der Santa Claus und Jesus aufeinander einhauen, in der also nichts mehr heilig ist und, schlimmer noch, nichts Bestand hat? In einer Episode vom Sommer 2002 (Episode 610: Bebe's Boobs Destroy Society) definiert Eric Cartman, der Mann fürs Grobe in der Gruppe, auch Freundschaft und ihre Spielregeln neu.

"Mann", sagt Cartman zu einem Kind, das um seine Freundschaft buhlt, "du kannst nicht einfach herkommen und fragen, ob du jemandes Freund sein kannst. So funktioniert das nicht. Wenn du mein Freund sein willst, musst du dafür bezahlen." Das ist vielleicht harsch und unverblümt ausgedrückt, doch nicht ohne tiefe Einsicht in die Realitäten der Gegenwart.

Deshalb kann es auch kein Zufall sein, dass einer der schärfsten Beobachter von Zeitstimmungen und ihren sozialen Konsequenzen, der Soziologe Richard Sennett, ebenfalls im Jahr 1995 Fortsetzung auf Seite 2

Aber Freundschaften müssen erworben werden. Und sie gelten vielleicht nur einen Lebensabschnitt lang. Oder für die Länge einer Episode von South Park. Von Rüdiger Wischenbart
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