Salzburger Weltrekordversuch

8. August 2003, 19:29
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Ruzickas ehrgeiziges Mozart-Projekt für 2006

Salzburg - Gerard Mortier, Exintendant der Salzburger Festspiele, würde wahrscheinlich, wäre er für 2006 zuständig, radikal auf den 250. Geburtstag von Mozart reagieren - indem er keine einzige Oper des Salzburger Komponisten herausbrächte. Sein Nachfolger Peter Ruzicka hingegen wagt einen nie zuvor ins Auge gefassten Coup: Binnen sechs Wochen - die Festspiele sollen somit sieben Tage länger dauern - alle 22 Bühnenwerke von Mozart zur Aufführung zu bringen.

Auch wenn Ruzicka als bedächtiger Mann gilt und alles andere denn ein Prahlhans ist, scheint Skepsis ob der Realisierungschancen angebracht. Allein schon aus Gründen der Logistik. Und auch festspielintern hegt man leise Zweifel. Denn der Weltrekordversuch würde nicht nur die Technikmannschaft über die Grenzen hinaus belasten: Die Festspiele müssen ungleich mehr Personal anheuern, um die Verdoppelung des Angebots (in der Regel werden acht bis zehn Opern präsentiert) samt einer erklecklichen Steigerung der aufgelegten Karten administrieren zu können.

Ruzicka hält aber am Konzept, an dem seine Assistentin Susanne Stähr maßgeblich beteiligt ist, fest - und widerspricht Josef Hussek, dem Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, der den ehrgeizigen Plan als "schwer machbar" bezeichnet hatte. Denn von der Idee, alle Bühnenwerke selbst zu produzieren, habe man sich bereits verabschiedet. Lucio Silla beispielsweise werde als La-Fenice-Gastspiel zu sehen sein. Und vier Jugendwerke Mozarts würden in einer authentischen Mischform, eingebettet in Konzerte der Camerata Salzburg, zur Aufführung gelangen: inszeniert von einem einzigen Regisseur in der Aula.

Für das Festival blieben nur zehn Opern übrig: Le Nozze di Figaro und ein Jugendwerk als Neuproduktionen, als Wiederaufnahmen Idomeneo (aus 1999), Don Giovanni (2002), La Clemenza di Tito und Entführung aus dem Serail (heuer), Così fan tutte (2004), Mitridate, Zaide und Die Zauberflöte (2005). Die Mehrkosten würden daher nicht, wie kolportiert, sechs bis sieben Millionen Euro betragen, sondern lediglich 2,5 Millionen. Da die Regierung einen Sondertopf für das Mozartjahr bereitzustellen gedenke, habe man den Zusatzbedarf bereits angemeldet - und sei guter Dinge, den Zuschuss auch zu erhalten.

Als einziger zeitgenössischer Beitrag ist, wie berichtet, die Mozart-Paraphrase Der Fall W. von Olga Neuwirth vorgesehen, die in der Felsenreitschule zur Uraufführung gelangen soll. Technisch, so Ruzicka, sei die Realisierung kein Problem, aber allein für diese Oper bestehe ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf von einer Million Euro. Daher seien noch Gespräche - unter anderem mit Mortier als designierten Chef der Bastille-Oper, mit der man koproduzieren will - vonnöten.

Dass Olga Neuwirth plötzlich kein Problem damit hat, wenn Der Fall W. an der Staatsoper herauskäme, kann Intendant Ruzicka nicht verstehen. Denn die Komponistin habe sogar schriftlich erklärt, dass ihre Partitur nicht für die Philharmoniker geeignet sei. (Thomas Trenkler/DER STANDARD; Printausgabe, 09.08.2003)

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