"Viel mehr kranke Menschen zur gleichen Zeit"

30. Dezember 2013, 20:17
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Die Überalterung der Gesellschaft überfordert das Gesundheitswesen - Medizinforscher Heyo Kroemer erklärt Alois Pumhösel zwei Auswege

STANDARD: Wie hängen medizinischer Fortschritt und die älter werdende Gesellschaft zusammen?

Heyo Kroemer: Der wesentliche Einfluss des medizinischen Fortschritts auf die Demografie hat sich mit der Einführung der Antibabypille ergeben, die ab den 1960er-Jahren die Geburtenraten um über 40 Prozent reduziert hat. Das hat letztlich auch zu einer massiven Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung geführt. Heute treibt die medizinische Entwicklung die Demografie nicht mehr so dominant an, wie das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall war, vielmehr wird künftig der demografische Wandel die Medizin in stärkerem Maße beeinflussen.

STANDARD: Es gibt aber nicht nur weniger junge Menschen, auch die alten werden immer älter.

Kroemer: Im ersten Teil des letzten Jahrhunderts hat man - etwa in der Behandlung von Infektionskrankheiten - enorme Fortschritte erzielt, die sich unmittelbar auf die Lebenserwartung ausgewirkt haben. Heute geht der Anstieg der Lebenserwartung nicht mehr so schnell, aber doch signifikant weiter. Der Anteil des medizinischen Fortschritts an diesem Anstieg wird auf 15 bis 25 Prozent geschätzt, ist aber schwer exakt zu quantifizieren.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat der demografische Wandel auf die Medizin?

Kroemer: Die Überalterung, die durch das Fehlen der Hälfte ei- ner ganzen Generation zustande kommt, wird dazu führen, dass man in Relation zur Gesamtbevölkerung viel mehr kranke Menschen zur gleichen Zeit haben wird. Das wird das derzeitige System überfordern und die Finanzierung erschweren.

STANDARD: Wie können wir diesen Problemen begegnen?

Kroemer: Die vorhandenen Ressourcen müssen besser genutzt werden. Das geht auf zwei Wegen: Man kann die Bevölkerung durch präventive Maßnahmen länger gesund halten. Der zweite Weg ist, eine effektivere Therapie und Diagnostik durchzuführen, um damit Nebenwirkungen und Kosten zu reduzieren. Wenn wir die vorhandenen Ressourcen besser einsetzen wollen, werden wir um personalisierte Medizin auf keinen Fall herumkommen.

STANDARD: Bessere Prävention wird seit Jahrzehnten gepredigt. Wie soll man sie effektiv umsetzen?

Kroemer: Wir haben das Potenzial keineswegs ausgereizt. Ein Beispiel ist die aktuell festgestellte längere Lebenserwartung ostdeutscher Frauen im Vergleich zu westdeutschen. Sie ist darauf zurückzuführen, dass die Frauen im Osten weniger geraucht haben. Das ist ein Hinweis darauf, dass eine Präventionsmaßnahme, die zu einer Reduktion des Nikotinkonsums führen würde, sehr wohl positive Effekte haben kann. Insgesamt ist das Potenzial präventiver Maßnahmen bisher nicht besonders gut und nicht besonders intensiv genutzt worden.

STANDARD: Wenn die Menschen länger gesund sind, müssten sich auch die Lebensentwürfe verändern. Was heißt das für die Politik?

Kroemer: Eine generelle Anhebung des Renteneintrittsalters stößt auf die berechtigte Kritik, dass Menschen, die ihr Leben lang harte körperliche Arbeit verrichten, nicht so lange arbeiten können. Darum würde ich dafür plädieren, den Renteneintritt wesentlich flexibler zu handhaben als bisher. Man muss sich intelligente Anreizsysteme für Menschen überlegen, die länger arbeiten wollen und können.

STANDARD: Wie sieht der Fahrplan zur personalisierten Medizin aus?

Kroemer: Man arbeitet schon seit vielen Jahren dar-an. Erste Beobachtungen gab es in der Pharmakogenomik, in der man erkannte, dass Patienten nach gleicher Dosierung sehr unterschiedlich auf Medikamente reagierten. Enzyme, die Arzneimittel abbauen, weisen bei einem Teil der Bevölkerung genetische Defekte auf. Heute hat man die Möglichkeiten für wesentlich genauere Charakterisierungen dieser Unterschiede. Der Ausgangspunkt der personalisierten Medizin ist mit Sicherheit das Festlegen eines Norm- oder Bezugwertes, zu dem man den einzelnen Patienten oder die Patientengruppe in Bezug setzen kann.

STANDARD: Wie kommt man zu diesen Normwerten?

Kroemer: Es gibt viele Technologien, die vor wenigen Jahren noch nicht zur Verfügung standen. Ich nenne als Beispiel DNA-Chips, mit denen man genomweit analysieren kann, welche genetischen Varianten die Menschen tragen. Das geht heute zu vertretbaren Kosten und in sehr kurzer Zeit.

STANDARD: Auch wenn die Methoden leistbar werden, ist die Etablierung bevölkerungsweiter Gendatenbanken aufwändig. Kann das die insgesamten Kosten tatsächlich reduzieren?

Kroemer: Dass es tatsächlich billiger wird, ist bisher nicht belegt worden. Wenn in Zukunft aber nur noch jene Menschen mit einem Arzneistoff behandelt werden, die tatsächlich darauf ansprechen, kann die Zahl der therapeutischen Interventionen wahrscheinlich deutlich reduziert werden. Wir können davon ausgehen, dass die Behandlungszahlen dann deutlich geringer sind als bisher und dass damit Geld eingespart wird. Natürlich ist das mit einem höheren Maß an Diagnostik verbunden. Der Beweis, dass diese Strategien das Gesamtsystem billiger machen, muss aber erst noch erbracht werden.

STANDARD: Bei der personalisierten Medizin gibt es Probleme, die nicht innerhalb der Medizin lösbar sind. Wie kann man etwa Datenmissbrauch verhindern?

Kroemer: Die personalisierte Medizin ist initial damit verbunden, dass man große Mengen von Daten über bestimmte Populationen sammelt. Dazu wäre ein breiter gesellschaftlicher Diskussionsprozess nötig. Wir wissen nicht erst seit der NSA-Affäre, dass mit großen Datensammlungen auch Risiken verbunden sind. Das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung darf nicht beeinträchtigt werden. Es muss für jeden, der sich in solche Datenbanken aufnehmen lässt, jederzeit möglich sein, diese Einverständniserklärung zu widerrufen und seine Daten aus dem System entfernen zu lassen.

STANDARD: Selektive Behandlungen werfen neue ethische Fragen auf. Wie soll man ihnen begegnen?

Kroemer: In der personalisierten Medizin würde man einem Patienten, der eine schwere Krankheit hat, ein bestimmtes Medikament gegebenenfalls verweigern, weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit bei ihm nicht wirkt. Eingeschlossen ist immer eine Restunsicherheit. Man braucht ein festes ethisches Fundament, wenn man solche Entscheidungen treffen muss. Ich bin sehr dafür, dass sich Ethiker, Theologen und Kollegen ähnlicher Expertise aktiv an dieser Diskussion beteiligen, um bestmögliche Standards zu schaffen. Die Medizin allein ist damit überfordert. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 31.12.2013)


Heyo Kroemer, geboren 1960 in Leer in Ostfriesland, ist Dekan, wissenschaftlicher Vorstand und Sprecher des Vorstands für Forschung und Lehre der Universitätsmedizin Göttingen. Davor war der Pharmakologe Vorstand der Universitätsmedizin und Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Greifswald.

  • Dank Gendiagnostik und personalisierter Medizin sollen künftig Arzneimittel nur noch jenen Menschen verabreicht werden, denen sie tatsächlich helfen.
    foto: martin fuchs

    Dank Gendiagnostik und personalisierter Medizin sollen künftig Arzneimittel nur noch jenen Menschen verabreicht werden, denen sie tatsächlich helfen.

  • Heyo Kroemer: "Wenn wir die Ressourcen besser einsetzen wollen, werden wir um personalisierte Medizin nicht herumkommen."
    foto: umg

    Heyo Kroemer: "Wenn wir die Ressourcen besser einsetzen wollen, werden wir um personalisierte Medizin nicht herumkommen."

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