Der Kampf der Griechen um die Würde

30. Dezember 2013, 17:57
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Bücher zu kaufen ist ein Luxus geworden. Aber ähnlich wie bei der EU-Präsidentschaft geht es auch um Selbstachtung und Respekt

Sie haben alles in Kisten gepackt, die Bücher natürlich und das Mobiliar, und sind zwei Hausnummern weitergezogen, von Panepistimiou 13 nach 15, auf gerade einmal ein Drittel der Fläche. Schon aus Trotz, und weil man eine solche Adresse im Zentrum von Athen nicht aufgibt, auch wenn die Krise das Zentrum halb leergeräumt hat.

"Wir sind immer noch da", sagt der Manager. Es geht um das Geschäft mit Büchern, etwas, das gar nicht erst in den Sparplänen von Griechenlands Kreditgebern vorkommt und angesichts der haushohen Probleme der Menschen hier so entbehrlich und unnötig luxuriös erscheint wie die EU-Präsidentschaft, die Griechenland zum 1. Jänner übernimmt. Doch der Kampf der Athener Buchhändler um das Geschäft ist auch ein Kampf um die Würde, ganz ähnlich wie der EU-Vorsitz.

Bankrott und mit der Troika um die nächste Kreditrate feilschend, 27 Prozent Arbeitslosenrate - Tendenz steigend - und die Faschisten als feste politische Größe: Was ist das für ein Land, das glaubt, für ein halbes Jahr die Union von 28 Staaten führen zu können, noch über die Europawahlen im Mai hinweg, bei denen sich bereits ein Sieg der Rechtspopulisten und Euroskeptiker ankündigt?

Die Krise hat zudem der Terrorszene neuen Auftrieb gegeben. 20 Schüsse feuerte ein Kommando am frühen Montagmorgen auf die Residenz des deutschen Botschafters in Halandri, ein paar Kilometer nordöstlich vom Athener Zentrum. Vier Männer sollen es gewesen sein, bewaffnet mit Sturmgewehren.

"Wir haben unsere Würde wiedergewonnen", verkündete Antonis Samaras trotzdem beim EU-Gipfel in Brüssel vor Weihnachten. "Das ist möglich geworden dank der unglaublichen Anstrengung, die das griechische Volk unternommen hat." Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Ein teures Hobby

45.000 Euro Miete im Monat hat Eleftheroudakis zuletzt gezahlt. 45.000 Euro für eine Buchhandlung im abgebrannten Griechenland klingen absurd, auch für eine der größeren Ketten im Land. Aber die Hausbesitzer haben nicht mit sich reden lassen. "Bücher kaufen ist ein teures Hobby geworden", sagt Vagelis Vogiatzis, der Manager der Eleftheroudakis-Filiale unweit vom Syntagma-Platz, und rechnet vor: Eingefleischte Leser kaufen normalerweise jede Woche ein Buch. Macht 55 bis 70 Euro im Monat - keine Summe, die man in Griechenland heute leichtfertig ausgeben würde.

Die Wirtschaftskrise hat natürlich auch in der Buch- und Verlagsbranche gewütet. Von 50 bis 60 Prozent Einbruch beim Umsatz sprechen die Buchhändler. Eleftheroudakis musste dieses Jahr umsiedeln, Traditionsgeschäfte haben geschlossen: die "Librairie Kaufmann" in der Stadiou-Straße, parallel zur Panepistimiou, oder "Estia" in der Solonos-Straße vergangenen März nach 128 Jahren.

Es sind schwere Verluste für das intellektuelle Leben der Stadt und wohl unwiederbringlich dahin. "Aber die Leute wollen trotzdem noch Bücher kaufen. Sie kommen und wollen über Bücher reden", sagt Anna Theodosi von Ianos, einer anderen Buchhandelskette in der Stadiou-Straße, die noch Platz für gratis Lesungen und Ausstellungen hat. Politik und die Krise sind out, sie hängen den Griechen zu den Ohren hinaus. Liebesromane, Gedichte, Geschichte werden gefragt.

Glaube an die Krise

"Die Leute lieben Bücher", sagt Alexia Polymenopoulou. Sie hat ein kleines Antiquariat im Sommer 2012 aufgemacht, mitten in der Krise und nach zwei Milliardenrettungskrediten der Troika. Pelargos heißt es, der Storch. Der bringt den Menschen auch die Bücher. "Ich bin optimistisch, was die Krise angeht. Aber nicht wegen der Politik oder der Wirtschaft", sagt die Buchhändlerin in der Ippokratous-Straße, wo auch die Pasok-Sozialisten ihren Sitz haben. Die Gesellschaft sei aktiver geworden, das treffe vor allem auf die jungen Griechen zu. "Sie überlegen genauer, was sie wollen. Auch die ein oder zwei Bücher, die sie hier kaufen." (Markus Bernath, DER STANDARD, 31.12.2013)

  • Krisenland als Vorsitzland: Bankrott, mit 27 Prozent Arbeitslosen und von politischer Gewalt erschüttert, will Athen trotzdem die EU ab 1. Jänner für ein halbes Jahr führen. Eine Frage der Selbstachtung.
    foto: epa/panagiotou

    Krisenland als Vorsitzland: Bankrott, mit 27 Prozent Arbeitslosen und von politischer Gewalt erschüttert, will Athen trotzdem die EU ab 1. Jänner für ein halbes Jahr führen. Eine Frage der Selbstachtung.

  • Lebenswichtiger Luxus in Athen: Die Buchhändlerin Polymenopoulou eröffnete ihr Antiquariat just inmitten der Krise.
    foto: standard/bernath

    Lebenswichtiger Luxus in Athen: Die Buchhändlerin Polymenopoulou eröffnete ihr Antiquariat just inmitten der Krise.

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