Teilzeit ist nicht schlechter bezahlt als Vollzeitarbeit

30. Dezember 2013, 17:31
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Wifo-Studie widerlegt SP-Warnungen und schließt Teilzeit als Ursache für den Gender-Pay-Gap aus

Wien - Im Wahlkampf schwang sich die SPÖ zum Anwalt der vermeintlich benachteiligten Gruppe auf: Teilzeitbeschäftigte verdienten in Österreich pro Stunde um ein Viertel weniger als Vollzeitkräfte, prangerten Sozialminister Rudolf Hundstorfer und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek an. Die von ihnen vermuteten Gründe reichten von fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten bis zur gezielten Lohndrückerei.

Ein Forscherteam am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat die Entlohnung von Teilzeit- und Vollzeitkräften im Detail untersucht - und kommt zu ganz anderen Schlüssen. "Wir können uns die Zahlen nicht erklären", kommentiert René Böheim, Volkswirt an der Universität Linz und einer der Studienautoren, die Feststellungen von SPÖ-Seite: "In unserer aktuellen Untersuchung finden wir jedenfalls keinen Teilzeit-Gap in Österreich."

Für ihren Vergleich haben die Experten die Stundenlöhne von Männern und Frauen jeweils gesondert gegenübergestellt. Ergebnis: Bei beiden Geschlechtern zeigen sich zwischen Bruttolöhnen von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten nur vernachlässigbare Unterschiede. Netto steigen sowohl Männer als auch Frauen in Teilzeit sogar besser aus, da die Steuerprogression den Vollzeitkräften mehr vom wegen der längeren Arbeitszeit insgesamt natürlich höheren Brutto wegfrisst.

Ein Ergebnis, wie es die SPÖ beklagt, kommt nur dann heraus, wenn man Männer und Frauen zusammenmixt und dann den gesamten Stundenlohndurchschnitt vergleicht. Diese Kluft sei damit zu erklären, dass hierzulande vorwiegend Frauen in Teilzeit stünden und unabhängig vom Arbeitsstundenausmaß niedrigere Stundenlöhne als die Männer erhielten, heißt es in der Studie - aber nicht, weil eine Teilzeitstunde schlechter bezahlt sei. Für den vielkritisierten Gender-Pay-Gap - weniger Lohn bei vergleichbarer Arbeit unter vergleichbaren Umständen - sei Teilzeit also keine Ursache, sagt Böheim, eher treffe das Gegenteil zu. Laut der Untersuchung werden Frauen in Teilzeit tendenziell sogar besser entlohnt als jene, die vollzeitlich beschäftigt sind. Warum, harrt noch einer wissenschaftlichen Untersuchung.

Den Gender-Pay-Gap, der laut EU-Vergleich hierzulande besonders groß ist, beziffert Böheim mit plus/minus zwölf Prozent: Dies ist der anhand von Daten "unerklärbare" Unterschied zwischen den Stundenlöhnen von Männern und Frauen, der sich nicht auf Faktoren wie Beruf, Branche, Erfahrung, Zugehörigkeitsdauer im Betrieb, Familienstand, Firmengröße oder Bildungsniveau zurückführen lässt.

Risiko der Altersarmut

Dass Teilzeit pro Stunde nicht schlechter bezahlt ist als Vollzeit, ändere freilich nichts an sozialen Risiken wie niedrige Pensionen und Armutsgefahr im Alter, sagt Böheim. 45,5 Prozent aller unselbstständig beschäftigten Frauen arbeiten in Österreich nicht im vollen Zeitausmaß, das ist deutlich mehr als im EU-Schnitt (32,6 Prozent). Vor zehn Jahren lag der Anteil erst bei 36,4 Prozent: Die insgesamt gestiegene Frauenerwerbsquote hat sich praktisch nur in Teilzeitjobs niedergeschlagen.

Mangel an Kinderbetreuung, gepaart mit einem traditionellen Familienbild, identifiziert der Experte als Hauptgrund für diese hohe Quote: Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten liegt bei Frauen im Alter von 20 Jahren noch bei 80 Prozent, sinkt aber bis in die Altersgruppen um Mitte 30 kontinuierlich ab, um danach nur schwach zu steigen; bei den Männern bleibt die Quote jenseits der 90 Prozent weitgehend konstant.

Auch der Anteil der Teilzeit arbeitenden Männer ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, allerdings nur auf niedrigem Niveau von 3,9 auf 7,7 Prozent. Während von dieser Minderheit laut Statistik Austria lediglich 3,8 Prozent die Betreuung von Kindern und pflegebedürftiger Erwachsener als Grund für die Teilzeit angeben, sind es bei den Frauen 37,6 Prozent. Wie viele davon allerdings lieber mehr im Beruf arbeiten würden, sagt Böheim, verrieten die Daten leider nicht. (Gerald John, DER STANDARD, 31.12.2013)

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