Staat gewinnt im Billionen-Rad

31. Dezember 2013, 09:49
601 Postings

Die Nullzinspolitik geht 2014 weiter, die Staaten haben sich 1,6 Billionen Dollar gespart, die Sparer zahlen die Zeche

Die Notenbanken werden auch 2014 die Entwicklung an den Finanzmärkten prägen. Aktieninhabern haben sie im gerade abgelaufenen Jahr mit einem Kursplus von weltweit 20 Prozent (gemessen am Index MSCI World) ordentlich unter die Arme gegriffen. Macht allein bei den in dem Index berücksichtigten Titeln einen Buchgewinn von 4,35 Billionen Euro aus. Das entspricht fast dem 15fachen der österreichischen Wirtschaftsleistung.

Ein Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik würde wohl merklich auf Aktienkurse und Immobilienpreise drücken. Steigende Zinsen wiederum belasten die Kurse von Anleihen, die sich gegengleich bewegen. Die Ankündigungen einer behutsamen Eindämmung der Geldschwemme haben den Anleiheninhabern im Vorjahr bereits Kursverluste beschert. Das trifft vor allem breite Vorsorgeinstrumente wie Lebensversicherungen und Pensionskassen. Allerdings waren sie in den Jahren davor die größten Nutznießer sinkender Zinsen.

Womit sich die Frage stellt, wem die Notenbank-Interventionen überhaupt zugutekommen. Die konjunkturelle Belebung über höhere Asset-Preise ist jedenfalls umstritten - und schwer nachweisbar. Evident ist hingegen die Entlastung der Staaten: Laut einer Untersuchung der Beratungsgruppe McKinsey profitierten die USA, England und die Eurozone von 2007 bis 2012 mit 1,6 Billionen Dollar vom Zinstief. Den Unternehmen, im monetären Kreislauf traditionell Kreditnehmer, brachte die lockere Geldpolitik weitere 710 Milliarden Dollar.

Sparer verlieren

Die Verluste der Sparer via negative Realzinsen belaufen sich laut McKinsey auf 630 Milliarden Dollar, wobei jüngere Personen tendenziell wegen der schwachen Vermögenssituation gewonnen, ältere verloren haben. Ein differenziertes Bild zeichnen die Berater bei den Banken: In den USA wurden die Einlagenzinsen im Gegensatz zu Europa stärker gesenkt als die Kreditraten, weshalb Amerikas Institute von den Notenbank-Maßnahmen profitierten.

Die künstlichen Zuwächse der Unternehmensgewinne und Börsenkurse schüren die Angst vor einer Korrektur, wenn nicht sogar vor einem Crash. In diese Richtung äußerten sich Leute, denen an den Märkten Gehör geschenkt wird. Der Großinvestor Carl Icahn beispielsweise findet, dass die hohen Unternehmensgewinne mehr auf niedrige Zinsen denn auf weitsichtiges Management zurückzuführen seien. Aktien seien zu teuer, und der Markt könnte "leicht vor einem großen Einbruch stehen", meinte Icahn in einem Reuters-Interview. Nicht nur kapitalintensive Unternehmen könnten bei steigenden Zinsen plötzlich vor gröberen Problemen stehen. Sorge bereitet, dass jeder Investor Opportunitätsberechnungen anstellt. Seine Veranlagung in einem Unternehmen muss mehr abwerfen als die Anleihenrendite und zudem noch die Risikokosten abdecken. Bei steigenden Zinsen hängt somit auch die Latte höher, um an Eigenkapital zu gelangen.

Zinsen bleiben tief

Auch der wegen seiner Vorhersage der Finanzkrise bekannte Ökonom William R. White hat seine Zweifel, dass die Pläne der großen Notenbanken voll aufgehen werden. Er unterstreicht, dass die Investitionsraten der Unternehmen trotz Niedrigzinsen wegen der wachsenden Unsicherheit gesunken statt gestiegen seien. Die Furcht vor Steuererhöhungen als Folge der massiven Staatsverschuldung und Zweifel an der globalen Nachfrage veranlassten die Betriebe dazu, Geld zu horten statt auszugeben.

Bei aller Unsicherheit spricht dennoch vieles dafür, dass die Notenbanken die Märkte noch länger fluten werden. Einerseits deuten das die Notenbanken selbst an, wie kürzlich die Bank of Japan, die binnen zwei Jahren umgerechnet eine Billion Euro in das System pumpen will. Auch in den USA hat der scheidende Notenbankchef Ben Bernanke nur eine bescheidene Reduktion der monatlichen Injektionen von 85 auf 75 Milliarden Dollar im Monat angekündigt. Womit die Geldspritzen langsam zur Droge werden könnten, wie ein Bankanalyst meint. Und das bei deutlich höherem Wachstum und sinkender Arbeitslosigkeit in den USA.

White, früherer Chefökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ),  hat schon öfters darauf hingewiesen, dass die Industriestaaten mit ihrer hohen Verschuldung auf die Fortsetzung der Nullzinspolitik angewiesen seien. Erst ein scharfer Anstieg der Inflation wird demnach die Notenbanker wachrütteln. Für die Sparer bedeutet das, dass sie die maroden öffentlichen Haushalte noch länger mit wachsenden Abgaben und negativen Realzinsen durchfüttern müssen. (Andreas Schnauder, derStandard.at, 1.12014)

 

  • Ben Bernanke rückt nur behutsam von der Flutung der Märkte ab.
    foto: epa/lane

    Ben Bernanke rückt nur behutsam von der Flutung der Märkte ab.

Share if you care.