Mailath-Pokorny: "Wir müssen wasserdichte Zellen aufbrechen"

30. Dezember 2013, 17:22
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Der Wiener Kulturstadtrat schlägt einen "Kreativpakt" vor und sieht einen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik

STANDARD: Sie sind Stadtrat für Kultur und Wissenschaft. Das passt zusammen. In der Bundesregierung hingegen ist der Wirtschaftsminister auch für die Wissenschaft zuständig. Wie beurteilen Sie das?

Mailath: Es gab einmal ein Ministerium für Verkehr, Wissenschaft und Kunst. Das hat damals, in den 1990er-Jahren, keiner kritisiert. Aber auch aus symbolischen Gründen wäre es g'scheit gewesen, das Zukunftsthema Wissenschaft und Forschung eigenständig zu behandeln - und die Landwirtschaft, die nur mehr drei Prozent der Bevölkerung repräsentiert, dem Wirtschaftsministerium zuzuschlagen. Denn ich sehe schon eine Gefahr darin, dass man die Wissenschaft künftig sehr stark unter dem Gesichtspunkt der Ökonomie beurteilt. Die vielen Synergieeffekte, die der Herr Wirtschaftsminister erwartet, gibt es einfach nicht, zumindest nicht im großen Bereich der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Aber man soll Reinhold Mitterlehner daran messen, was er zum Beispiel für die Universitäten tut. Und man muss generell versuchen, die Stimmung zu heben.

STANDARD: Wie denn?

Mailath: Ich schlage, salopp formuliert, einen "Kreativpakt für Österreich" vor: Die Gebietskörperschaften und Ministerien sollten sich über Zuständigkeitsgrenzen hinaus gemeinsam anstrengen, das kreative künstlerische und wissenschaftliche Potenzial zu stärken. Dazu ist es notwendig, in einen neuen Dialog zu treten. Man sollte in der Wissenschaft wie in der Kultur unterschiedliche Dialogforen etablieren. Ich versuche das seit geraumer Zeit mit "Wien denkt weiter". Ich halte dieses Forum für ausgesprochen fruchtbar - auch für die Politik.

STANDARD: Haben Sie auch konkrete Themen anzubieten?

Mailath: Zum Beispiel die Auslandskultur. Sie ist verteilt auf die Länder, die Wirtschaftskammer, das Außen- und Wirtschaftsministerium usw. Es wäre doch richtig, sie gemeinsam zu gestalten: Was wollen wir mit ihr? Wofür setzen wir Geld ein? Mit welchem Bild sollte sich Österreich im Ausland präsentieren? Wir haben wirklich ein Problem mit dem Österreichbild im Ausland! Österreich ist zu klein, um sich eine Kleinteiligkeit leisten zu können. Ein anderes Thema könnte eine gemeinsame digitale Strategie sein: Wie können die Kulturinstitutionen ihre Präsenz im Netz stärken? Bei der Vermittlung sind die Einrichtungen - abgesehen von ein paar Ausnahmen - weit hinten nach.

STANDARD: Ins Regierungsprogramm wurde die Erarbeitung einer "Kulturland-Österreich-Strategie" aufgenommen.

Mailath: Ich befürchte, dass sie unter einem ökonomischen Gesichtspunkt entwickelt wird. Aber mein Vorschlag eines "Kreativpakts" würde gut dazupassen. Ich werde mit Sicherheit die Dialogforen der Stadt verstärken - auch deshalb, weil es einen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik gibt. Bisher war man der Ansicht, dass Einrichtungen, die es seit ewigen Zeiten gibt, nicht verändert werden dürfen. Ich glaube aber, dass wir diese wasserdichten Zellen aufbrechen müssen. Dafür braucht es den Dialog. Denn die vorherrschende Stimmung ist schlecht. Ich kann zwar verstehen, dass jeder um sein eigenes Leiberl rennt, aber versuchen wir doch, die Kräfte zu bündeln und Neues zu entwickeln!

STANDARD: Ja, die Stimmung ist mies. Die Szene kann nicht verstehen, dass die Vereinigten Bühnen Wien 4,9 Millionen Euro zusätzlich bekommen. Sie unterstellten den Theaterschaffenden Neid.

Mailath: Ich habe mich für das Wort "Neidgesellschaft" entschuldigt. Zu den 4,9 Millionen: Die VBW haben, wie auch von einer Beratungsfirma festgestellt, einen erhöhten Finanzierungsbedarf, weil das Musical Natürlich blond bei weitem nicht so gut gelaufen ist wie erwartet. Sie bekommen daher für zwei Jahre zusätzliche Mittel. Das Geld kommt aber nicht aus dem Kulturbudget, sondern aus dem Wirtschaftsressort. Es wurde ja immer wieder gefordert, dass das Musical aus dem Tourismusbereich bezahlt werden möge. Also: Es bekommt niemand weniger Geld, weil die VBW mehr bekommen.

STANDARD: Die 4,9 Millionen sind in jedem Fall Steuergeld.

Mailath: Das schon. Die 4,9 Millionen gibt es aber nur mit der Auflage, einen Umstrukturierungsplan zu entwickeln. Die VBW müssen ab 2016 nachhaltig mit weniger Geld auskommen. Der kulturpolitische Auftrag aber bleibt: Oper im Theater an der Wien, Mainstream-Musical und anspruchsvolles, urbanes Musikunterhaltungstheater.

STANDARD: Das Volkstheater bekommt pro Jahr sechs Millionen Euro von der Stadt Wien, die VBW erhalten nun 4,9 Millionen Euro extra - bloß für das Musicalorchester. Stimmen da noch die Relationen?

Mailath: Man kann nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen. Ja, es gibt einen eigenen Förderakt für das Orchester, aber das Geld hat kein Mascherl. Die VBW haben ihre Rücklagen aufgebraucht - und brauchen nun eben mehr. Sie sind einer der größten Theaterkonzerne. Wir können gerne diskutieren, ob die Bundestheater im Vergleich zur freien Szene zu viel Geld erhalten, ich habe es aber immer als wohltuend empfunden, dass die Kulturschaffenden nicht untereinander ums Geld streiten. Und: Das Volkstheater wird 2014 um 300.000 Euro mehr von der Stadt Wien bekommen.

STANDARD: Das sind lediglich fünf Prozent.

Mailath: Das halte ich für angemessen und ambitioniert - zudem nicht zeitlich befristet, sondern dauerhaft.

STANDARD: Gehen wir zu einem anderen Thema: Bleibt das Wien-Museum nur deshalb am Karlsplatz, weil die Stadt kein Geld für einen Neubau am Hauptbahnhof hat?

Mailath: Nein. Das entscheidende Argument war: Die Einzigartigkeit des Wien-Museums ist mit einem Zubau am Karlsplatz stärker gewährleistet als mit einem auch noch so spektakulären Neubau beim Hauptbahnhof. Zudem ist die Philosophie der spektakulären Museumsneubauten vorbei. Heute geht es um "urban renewal" und einen respektvollen Umgang mit vorhandener Architektur. Auch der Zubau wird viel Geld kosten. Aber es ist an der Zeit, dass sich die Stadt ihr Museum herrichtet.

STANDARD: Die Stadt hat scheinbar keine große Eile.

Mailath: Wir gehen jetzt die Flächenwidmungsfragen an und werden im ersten Halbjahr 2014 die Direktion neu ausschreiben. Die Auslobung des Architekturwettbewerbs haben wir uns für 2015 vorgenommen. Eine Entscheidung wird aber erst nach der Gemeinderatswahl fallen. Denn Wahlkämpfe sind, gemäß einem Wort des Herrn Bürgermeisters, Zeiten fokussierter Unintelligenz.

STANDARD: Um die Errichtung des Museumsquartiers tobte ein langer Streit. Der Karlsplatz ist ein noch sensiblerer Ort. Wird sich ein Zubau überhaupt realisieren lassen?

Mailath: Ja, ich gehe davon aus, dass man beides realisieren kann: eine unterirdische Erweiterung, die Fläche bringt, und auch etwas Signifikantes, das zur Karlskirche passt. Der Platz rinnt beim Wien-Museum aus. Es braucht ein Gebäude, das ihn neu definiert.

STANDARD: Kann das Projekt auch der Anstoß für eine Neugestaltung des gesamten Karlsplatzes sein?

Mailath: Der Karlsplatz ist ein Verkehrsknotenpunkt und der größte Bahnhof Österreichs. Daran wird sich nichts ändern. Aber: Ins MQ muss man bewusst hineingehen; der Karlsplatz hingegen ist sehr offen. Das sehe ich als Chance. Natürlich wird es Diskussionen geben. Ohne Diskussionen wäre auch das Museumsquartier nicht ein solcher Erfolg geworden.

STANDARD: Was ist mit dem Hauptbahnhof? Es gibt zwar mehrere Projekte für kulturelle Einrichtungen, aber kein einziges der Stadt.

Mailath: Ein Kulturbau war und ist immer nur in Zusammenarbeit mit einem Betreiber bzw. mit dem Liegenschaftseigentümer zu denken. Jetzt konzentriere ich mich einmal auf unser vordringliches Vorhaben: das Wien-Museum. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 31.12.2013)

Andreas Mailath-Pokorny (54) ist seit 2001 Wiener Kulturstadtrat (SPÖ). Davor leitete der Jurist u. a. fünf Jahre lang die Kunstsektion des Bundes.

  • "Österreich ist zu klein, um sich eine Kleinteiligkeit leisten zu können": Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) schlägt eine gemeinsame Auslandskulturpolitik vor.
    foto: robert newald

    "Österreich ist zu klein, um sich eine Kleinteiligkeit leisten zu können": Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) schlägt eine gemeinsame Auslandskulturpolitik vor.

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