Ein Park voll untröstlicher Gedanken

30. Dezember 2013, 07:31
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Schuld und Ohnmacht zu DDR-Zeiten: Monika Marons Roman "Zwischenspiel"

Wien - Die Zeit ist heute. So steht es am Anfang von Ingeborg Bachmanns Malina. Sie bezeichnete damit eine der größten Illusionen, denen sich die Menschen hingeben. Die Zeit ist natürlich niemals nur ein Jetzt, sie war es in Bachmanns Roman nicht und ist es für niemanden. Heute: Das ist am Ende nur der Mensch, der sich darin verortet - und mit ihm seine Vergangenheit und Zukunft, seine Hoffnung, seine Reue.

Es ist ein solches gegenwärtiges Heute, in dem Monika Marons Zwischenspiel (Fischer Verlag) handelt: Es gibt Google Maps und den Wetterdienst Wetter.de. Deren Hilfe nimmt die Erzählerin Ruth zu Anfang in Anspruch. Ihre Freundin Olga wird beerdigt, Ruth muss wissen, wie sie zum Friedhof kommt. Doch noch bevor sie ins Auto steigt, fällt sie aus der Zeit. Sie betrachtet eine Wolke, die die Richtung wechselt, und ab diesem Moment sieht sie die Welt anders. Sie hat eine Sehstörung. "Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, der helle Himmel blendete mich, das Bild zersprang in flimmernde Punkte, ein Himmelsbild wie von Monet gemalt."

So verschwommen ihr die Wirklichkeit erscheint, so klar sieht sie die Konturen der toten Olga, die bald darauf vor ihr auftaucht und mit ihr spricht. Die Zeit entpuppt sich als bloße Frage der Fokussierung, die Vergangenheit schwappt der fehlsichtigen Ruth ins Heute über. Erinnerungen tauchen auf an Bernhard, Olgas Sohn und Vater von Ruths Tochter Fanny. Daran, dass Ruth ihn und seinen kranken Sohn Andy verließ. Vor allem aber taucht eines auf: Schuld. "Damals war ich mir monströs vorgekommen, herzlos, gemein, niederträchtig. Den Mann mit seinem kranken Kind verlassen; einfach abhauen mit dem gemeinsamen Kind; das Schicksal hochmütig verweigern, das war nicht erlaubt." Auf dem Weg zur Beerdigung verläuft sich Ruth im Park nebenan. Dieser wird, als verwunschener Zwischenraum, zum Hauptort der Handlung, in dem "nicht nur die Toten wie Lebende herumstolzierten, sondern auch die Zeit ablief, wie sie wollte."

Gedanken eines anderen

Hier wird Ruth auf weitere alte Bekannte treffen: Bruno, den Ex-" Busenfreund" ihres Ex-Mannes Hendrik, der sich totgesoffen hat. Der seine gedankliche Brillanz nicht nutzen wollte, um "dieser Arbeiter- und Bauern-Gesellschaft jede Nützlichkeit und, soweit möglich, sogar mein Interesse zu versagen". Dessen Einfälle der weniger talentierte Schriftsteller Hendrik bei Saufgelagen mitschrieb, um sie in seinen Romanen zu verwenden - er kann mit Ruth die DDR verlassen. Und wieder die Schuld: "Geben Sie zu, ihr wart erleichtert, als ich endlich tot war, als dieses versoffene, gedächtnislose Wrack endlich das Atmen aufgegeben und euch von euerer Schuld erlöst hat."

Der Park wird zu Ruths Seelenlandschaft. Ihr ganzes Leben kommt ihr wieder hoch und mit ihm die entsprechende Welt - die DDR. In einer der lustigsten Szenen tauchen Margot und Erich Honecker auf. Ruth klärt die zeternde Margot auf, dass Deutschland nun eine Demokratie habe. Margot triumphierend: "Was soll denn das für eine Demokratie sein, in der ich nicht schreien darf, was ich will?" Der Vergangenheit lässt sich buchstäblich nicht entkommen; oder, wie Maron in einem schönen Satz über das Lesen alter Stasi-Akten schreibt: Wir "versanken albtraumhaft in der Vergangenheit, die in ihrer widerlichen, allmachtsversessenen Sprache wieder auferstand und an uns kleben blieb wie Pech und Schwefel."

Es sind diese schicksalhaften Umstände, in denen die Menschen schuldlos schuldig werden. Manchmal, sagt die tote, lebenskluge Olga, "gibt es das Richtige einfach nicht, und man hat nur die Wahl zwischen dem einen und dem anderen Falschen, und dann weiß der Mensch sich nicht zu helfen." Überhaupt ist sie es, die diesem "klebrigen Spinnennetz aus fremder Schuld und eigener Ohnmacht", aus Verantwortung und biblischem Fatalismus seine Motti gibt: "Schuld bleibt immer, so oder so." Und: "Es ist schade um die Menschen."

Absurd-komische Wendungen

Die Frage, die dieser Roman stellt, ist am Ende wohl die, ob dies wirklich so schade ist. Oder nur wieder eine Frage der Fokussierung. Maron tut das in einer unprätentiösen Prosa und mit einem entscheidenden Kunstgriff: Jedes Mal, wenn die Geschichte in eine biedere Erlebniserzählung abzugleiten droht, passiert eine so absurde wie komische Wendung.

Den Höhepunkt erreicht das am Schluss des Romans, wenn im Park Francisco de Goyas Gemälde Das Begräbnis der Sardine zum Leben erwacht. Die Szenerie changiert zwischen Lebensfreude und Bedrohung. In einem seiner Exkurse hatte Bruno zuvor erklärt, dass der Tod wie die Kunst sei. "Und erst im Dunkel des Todes erscheint unser Leben im rechten Licht." Das ist die Botschaft dieses zum Leben erwachten Gemäldes: So falsch einem das Leben erscheinen mag, so verworren und ohne Plan - am Ende ist es ein Ganzes, wie dieses Bild. Man kann darin Schönheit sehen. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 30.12.2013)

  • Hat das Leben einen Plan, fragt die Autorin Monika Maron.
    foto: ap/sinkel

    Hat das Leben einen Plan, fragt die Autorin Monika Maron.

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