Des Lüstlings Höllenfahrt auf dem Holodeck

30. Dezember 2013, 07:22
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Die Tiroler Festspiele Erl zeigen in ihrer zweiten Wintersaison ein buntes Programm und eröffnen diese mit einem szenisch lichten, musikalisch dezenten "Don Giovanni" unter der Regie von Gustav Kuhn

Erl - Nach Weihnachten, der großen emotionalen und organisatorischen Herausforderung in der dunkelsten Zeit des Jahres, folgen die Tage zwischen den Jahren: früher eine Zeit der Kontemplation und Ruhe, heutzutage ein mehrtägiges Hochfest des Geschenkumtauschs.

Diesen einst letzten weißen Fleck auf der Festspielkarte bemalen seit letztem Winter die Tiroler Festspiele Erl: Gründervater Gustav Kuhn und Dramaturg Andreas Leisner tun dies mit einem bunten Programm, das von Bachs Weihnachtsoratorium über Bearbeitungen von Schubert-, Brahms- und Mahler-Liedern von Franui (mit dem Bariton Georg Nigl) bis hin zu Gegenwartsnäherem von Anton Webern und Gegenwartsnahem von Tristan Murail, Gérard Passon und Stefano Gervasoni (mit dem Ensemble Risognanze) reicht.

Herzstück des Festivals auf der grünen Wiese sind aber zwei Opernproduktionen: Puccinis Knaller Tosca wird heuer gegeben; zu Beginn bot man am Freitag auch die zweite der drei Da-Ponte-Opern Mozarts, den unverwüstlichen Don Giovanni. Und so schritt man also in der Schwärze der Tiroler Winternacht zum Festspielhaus hinan: Wie ein düsteres Ufo steckt der zerklüftete Bau von Delugan Meissl im Erler Hügel, wie auf einem Lichtband steigt man die Treppe empor ins glattweiße, gletscherspaltenschräge Innere des Neubaus.

Viel Weiß in Form von Vorhängen auch auf der Bühne des Don Giovanni, des Weiteren zitiert Jan Hax Halama die dunkelbraunen Holzverkleidungen des Saals als verschiebbare Raumtrenner auf der weiten Bühne. Dominiert wird das abstrakte Bühnenbild von einer riesigen weißen Kugel, die in einem weißen Würfelrahmen steckt: Von einer Welt, in der das Rechteck nun mal kein Kreis ist, singt Don Giovannis Diener Leporello ja eingangs der Oper. Stimmt nicht, sagt Halama: Jedes Rechteck birgt einen Kreis in sich.

In Erl wird die Stimmung ja mehr mit Licht gemacht als mit der Requisite und Bühnenbauten: Das gelingt Kuhn (Regie und Licht) diesmal ganz gut. Im leeren Raum (ein bisschen wie das Holodeck aus Star Trek) kann man sich ganz auf die Sänger konzentrieren, und die machen das in historisierenden Kostümen (Lenka Radecky) konventionell und routiniert. Allen voran ist Lucio Gallo ein wundervoller Don Giovanni mit Stolz, Haltung, Eleganz und hoher Verführungskraft; sein zwischen Macht und Leisheit virtuos changierender Bariton gefällt den Damen so wie sein Äußeres.

Anna Princeva ist eine Donna Anna mit einem reinen, schlanken und doch auch dramatisch kräftigen Sopran, der sich lediglich bei den Koloraturen noch nicht so wohl zu fühlen scheint. Kleiner, zarter ist da die Stimme von Sabina von Walther (Donna Elvira), Kuhn nimmt darauf im Orchestergraben Rücksicht. Fest, glänzend, prall der Sopran von Sophie Gordeladze, als Zerlina gelingt ihr die eindrücklichste Leistung der weiblichen Verführungsopfer.

Warm und schön klingend, aber auch etwas gleichförmig singt Yasushi Hirano den Leporello, was den Buffo-Charakter der Figur etwas limitiert. Ferdinand von Bothmer gefällt mit schimmerndem, geschmeidig-weichem Tenor als Don Ottavio - schön, ihm zuzuhören. Auch gut: Frederik Baldus als Masetto.

Mozart als sanftes Wesen

Wenn Riccardo Mutis Mozart eine polierte Marmorstatue ist und Nikolaus Harnoncourts Mozart ein Mensch, in dessen Adern das Blut heftig pulsiert, so ist bei Gustav Kuhn Mozart ein sanftes, eher feminines Wesen, dem Anmut und Dezenz als dominierende seelische Charakteristika zuzuschreiben sind. Das junge Festspielorchester folgt Kuhns Anweisungen meist reaktionsschnell, bei den von Cello und einem alten Bösendorfer begleiteten Rezitativen setzt sich der Erler Allesmacher und lauscht den klingenden und singenden Dingen.

Am Ende fährt der Lüstling zur Hölle: Verwundert nimmt man wahr, dass sich da bühnentechnisch doch Abgründe auftun - man hatte in Erl maximal mit einem schwarzen Vorhang gerechnet, der sich schließt. Helle Begeisterung beim Erler Premierenpublikum darüber und überhaupt. (Stefan Ender, DER STANDARD, 30.12.2013)

Wieder am 3. 1.

Link

www.tiroler-festspiele.at

  • Die Welt als Kugel im Rechteck: Sabina von Walther, Ferdinand von Bothmer, Anna Princeva in Mozarts "Don Giovanni".
    foto: apa/festspiele erl/nawrath

    Die Welt als Kugel im Rechteck: Sabina von Walther, Ferdinand von Bothmer, Anna Princeva in Mozarts "Don Giovanni".

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