Russland: Silvesterfeiern nach Anschlagsserie abgesagt

31. Dezember 2013, 08:15
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Zwei schwere Terroranschläge innerhalb von zwei Tagen

Jahreswechsel im Zeichen des Terrors: Nach der blutigen Anschlagsserie von Wolgograd sind in Russland viele Silvesterfeiern abgesagt und die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft worden.

Polizeiaufgebot verstärkt

Während in Wolgograd eine Bürgerwehr gebildet und das Polizeiaufgebot verstärkt wird, regen sich in Moskau Forderungen nach einer Reaktivierung der Todesstrafe.

Es war kurz vor halb neun, als der Sprengsatz im Wolgograder Trolleybus Nummer 15 explodierte. Die Explosion der rund vier Kilo schweren Bombe war so gewaltig, dass der Bus förmlich zerfetzt wurde. Auch die Fensterscheiben der umliegenden Häuser gingen durch die Druckwelle zu Bruch.

"Ich bin aus dem Haus gekommen, als ich den lauten Knall und schreiende Menschen hörte. Dann sah ich, was passiert ist, aber konnte anfangs nicht verstehen, dass es sich um einen Bus handelte. Alles war auseinandergeflogen, nicht nur die Scheiben, auch die Wände", beschrieb eine Augenzeugin ihre ersten Eindrücke vom Tatort.

Bei dem Anschlag kamen mindestens 15 Menschen ums Leben, 28 wurden verletzt, viele davon ­lebensgefährlich, so auch ein erst sieben Monate altes Mädchen. Der Terror in der südrussischen Millionenstadt hat damit innerhalb von nur zwei Tagen mehr als 30 Menschenleben gefordert, nachdem sich die Zahl der Opfer vom Bahnhofsattentat am Vortag auf inzwischen 18 erhöht hat.

In der Stadt herrschte teilweise Panik, viele Menschen verzichteten auf öffentliche Verkehrsmittel, Eltern holten ihre Kinder von der Schule ab, mehrere Einkaufsmalls wurden auf Weisung des ­Innenministeriums wegen der Angst vor weiteren Anschlägen gesperrt. In der Stadt haben sich Bürgerwehren gebildet, die den Selbstschutz organisieren sollen, viele Freiwillige spenden Blut. Daneben löste die Polizei aber auch eine Kundgebung von Nationalisten auf und nahm dutzende Personen fest.

Der von Präsident Wladimir ­Putin nach Wolgograd entsandte FSB-Chef Alexander Bortnikow erklärte, die Sicherheitskräfte ­hätten schon "bestimmte Anhaltspunkte" für die Aufklärung der Anschläge. "Ich denke, wir können die Verbrechen aufklären", sagte er.

Widersprüchliche Angaben

Zuvor hatte der Sprecher der ­Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin, mitgeteilt, die Attentate stünden offenbar in engem Zusammenhang. Beide seien von Selbstmordattentätern durchgeführt worden. Über deren Identität gab es allerdings widersprüchliche Angaben. Ging die Behörde zunächst von sogenannten schwarzen Witwen aus, so gelten inzwischen Männer als Tatverdächtige.

Gleichzeitig wurde das Polizeiaufgebot deutlich verstärkt. "Es wird verstärkte Fahrzeugkontrollen geben. Besonderes Augenmerk gilt Plätzen von Massenansammlungen und Verkehrsknotenpunkten", kündigte das Innenministerium an. In Wolgograd wurden die Bürger gebeten, zu ­Silvester auf das Abschießen von Raketen zu verzichten. Die Regionalverwaltung ordnete eine fünftägige Trauer für die Opfer an.

Die nationalistische LDPR hat unterdessen den Antrag in die Staatsduma eingebracht, das ­Moratorium auf die Todesstrafe auszusetzen. Während der Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin davor warnte, "hysterischen Aufrufen" nachzugeben, wurde die Initiative öffentlich auch von einigen Abgeordneten der regierenden Partei Einiges Russland unterstützt. Ob die Initiative eine Mehrheit in der Duma findet, ist derzeit unklar. Putin selbst äußerte sich zunächst weder zu den Anschlägen noch zur Arbeit der Sicherheitsorgane.

Kritik von Experten

Dafür gibt es Kritik von Sicherheitsexperten: Andrej Soldatow, Herausgeber der Seite Agentura.ru, beklagte die fehlende Kommunikation zwischen verschiedenen Ebenen der Geheimdienste. Die Weitergabe von Informationen funktioniere weder zwischen den einzelnen Regionen noch zwischen einzelnen Dienstgradgruppen. "Es gibt eine Vertrauenskrise zwischen Offizieren der Majors- und Oberstebene und ihren Vorgesetzten. Die mittlere Ebene vertraut ihrer Führung nicht besonders, weil sie sie für korrumpiert hält", sagte er.

Das Problem werde dadurch verschärft, dass der FSB völlig abgeschottet sei, fügte seine Kollegin Irina Borogan hinzu. "Im letzten Jahrzehnt gab es außer bei Beslan keine einzige Entlassung nach einem Anschlag" , sagte sie dem Standard. Putins Praxis, die eigenen Leute nicht öffentlich zu kritisieren, sei fatal, sagte sie. Während die Terroristen vor einigen Jahren ihre Taktik geändert hätten und von militärisch ­organisierten Banden auf kleine, unabhängig voneinander agierende Zellen umgestiegen seien, sei der bürokratisch überladende ­Geheimdienst immer noch darauf ausgerichtet, Großangriffe abzuwehren, bemängeln die Experten. Der Druck von oben, etwas zu ändern, sei gering. (André Ballin aus Moskau /DER STANDARD, 31.12.2013)

  • Einsatzkräfte am Anschlagsort in Wolgograd.
    foto: reuters/sergei karpov

    Einsatzkräfte am Anschlagsort in Wolgograd.

  • Der vollbesetzte Linienbus wurde durch die Explosion vollkommen zerstört.
    foto: reuters/sergei karpov

    Der vollbesetzte Linienbus wurde durch die Explosion vollkommen zerstört.

  • Der schwerbeschädigte Bus wird abgeschleppt
    foto: reuters/sergei karpov

    Der schwerbeschädigte Bus wird abgeschleppt

  • Artikelbild
    quelle: apa
  • Der ausgebrannte Bus der Linie N15 in Wolgograd.
    foto: reuters/reuters tv

    Der ausgebrannte Bus der Linie N15 in Wolgograd.

  • Präsident Putin und Ministerpräsident Medwedew am Montag.
    foto: ap photo/ria novosti, mikhail metzel

    Präsident Putin und Ministerpräsident Medwedew am Montag.

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