Der böse Gruß des bitterbösen Komikers

17. Jänner 2014, 16:56
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Fußballstar Nicolas Anelka heizt in Frankreich Diskussion über eine mutmaßlich antisemitische Geste an

"La quenelle" ist an sich eine lyonesische Mehlspeise in Wurstform. Doch französische Jugendliche verstehen darunter etwas anderes - einen Insidergruß mit subversivem oder eventuell auch antisemitischem Charakter. Die linke Hand wird auf den rechten Oberarm gelegt, während dieser straff nach unten gestreckt ist.

In letzter Zeit mehren sich die "quenelles" im französischen Internet. Unter anderem posierten damit anonyme französische Soldaten. Zu Weihnachten folgten drei Besucher und zwei Angestellte des Asterix-Parks bei Paris. Der Europäische Jüdische Kongress (CJE) meint indes, die Quenelle sei klarerweise ein "weniger bekannter Nazi-Gruß".

Grüßen

Am Weihnachtsabend wurden in Lyon sechs Jugendliche verhaftet, weil sie einen Kellner zusammengeschlagen hatten, der auf Facebook mit der Quenelle posiert hatte. Dieser Vorfall machte augenfällig, welche Reizwirkung die Quenelle-Frage in Frankreich hat. Am Samstag brachte sie der Ex-Teamfußballer Nicolas Anelka auf das Tapet, indem er die Quenelle nach einem Tor für seinen englischen Klub West Bromwich beim 3:3 gegen West Ham zeigte. Sportministerin Valérie Fourneyron nannte dies via Twitter eine "schockierende Provokation".

Anelka antwortete, er habe mit der Quenelle nur seinen Freund Dieudonné grüßen wollen. Dieser in Frankreich ebenso bekannte wie umstrittene Komiker gilt als Erfinder des Grußes. Die Frage der Quenelle ist deshalb letztlich die Frage, ob Dieudonné Mbala Mbala - so heißt der Sohn einer Bretonin und eines Kameruners - ein Antisemit ist.

Politisch ist der Humorist noch schwieriger einzuordnen als etwa der Italiener Beppe Grillo. In seinen Anfangszeiten kandidierte Dieudonné in einer Pariser Vorstadt gegen eine Kandidatin des rechtsextremen Front National. Seinen beruflichen Erfolg verdankt er einem jahrelangen Duo mit dem jüdischen Humoristen Elie Semoun.

"Störung der öffentlichen Ordnung"

Die beiden überwarfen sich aber, und Dieudonné führte später eine "antizionistische Wahlliste" an. Den Holocaust tat er als "Pornografie des Gedenkens" ab, was ihm eine Verurteilung einbrockte. Von den Medien seither boykottiert, hat sich Dieudonné eine treue Fangemeinde erhalten, die seinen bitterbösen Humor in seinem Pariser Theater La Main d'Or goutiert. Da gab es allerdings auch Auftritte mit dem Holocaust-Leugner Robert Faurisson.

Die Regierung sieht darin eine "Störung der öffentlichen Ordnung". Mit diesem Argument will Innenminister Manuel Valls, wie er am Freitag erklärte, Dieudonné nun an weiteren Auftritten hindern. Im Visier ist eine ab Jänner geplante Tournee des Komikers. Fans reagierten am Wochenende im Internet, wie zu erwarten war - mit der Quenelle. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 30.12.2013)

  • Nicolas Anelka zeigt die Quenelle und sorgt nicht zum ersten Mal für Aufregung.
    foto: ap/tan

    Nicolas Anelka zeigt die Quenelle und sorgt nicht zum ersten Mal für Aufregung.

  • Der umstrittene französiche Komiker Dieudonné Mbala Mbala.
    foto: reuters/platiau

    Der umstrittene französiche Komiker Dieudonné Mbala Mbala.

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