Ammann siegt, alles im grünen Bereich

29. Dezember 2013, 20:12
282 Postings

Der Schweizer Simon Ammann, der vier Olympiatitel, aber noch keine Tournee gewann, siegte in Oberstdorf

Wenn die Menschheit den Klimawandel überlebt, werden ihn wohl auch die Skispringer überleben. Siehe Oberstdorf, wo quasi im Grünen die 62. Vierschanzentournee begann. Eine Schanze und ein Auslauf werden sich immer irgendwie herrichten lassen. Noch auf ebenso schönem wie künstlichem Schnee war es am Sonntag der Schweizer Simon Ammann, der zum zweiten Mal nach 2008 in Oberstdorf siegte. Ammann (32) war zweimal Doppel-Olympiasieger, aber nie Tourneesieger. Seinerzeit, 2008, setzte sich ja Wolfgang Loitzl durch.

Auch diesmal ist aus österreichischer Sicht alles im grünen Bereich. Für Thomas Morgenstern (5.) und Gregor Schlierenzauer (9.) ist noch alles möglich, wo doch Polens Favorit Kamil Stoch (13.) noch mehr an Boden verlor. Schlierenzauer beklagte sich über "die dauernde Lukenschieberei", die es den Springern erlaubt, ihren Anlauf fast nach Belieben zu verkürzen, weil sie dafür ausgleichsweise Punkte gutgeschrieben bekommen.

Sensationell sprangen Thomas Diethart, hinter dem Norweger Anders Bardal und ex aequo mit dem Slowenen Peter Prevc auf Rang drei, und Michael Hayböck (7.), von denen man noch mehr hören dürfte, als man bis dato von ihnen gehört hat. Cheftrainer Alexander Pointner hält es für "ein Privileg, jetzt die Chance auf den sechsten Erfolg zu haben".

Wachablöse

Langsam, aber sicher unterzieht sich das ÖSV-Team einem Generationenwechsel. Junghupfer wie Diethart oder Hayböck drängen nach. Als Vierter und Sechster in Engelberg hatte sich Diethart (21) für die Tournee qualifiziert. Das ist ebenso bemerkenswert wie die Tatsache, dass er aus Michelhausen bei Tulln stammt, also Flachländer ist. Ähnliches gilt für Hayböck (22), der in Linz geboren ist. Im Gegensatz zu Hayböck, der noch immer das Skigymnasium Stams besucht, stieg Diethart dort nach vier Jahren aus. Er schloss die Ausbildung zum Industriekaufmann ab, lebt in Matrei in Tirol. Dietharts sportliches Konzept? "Ich schau mir jedes Springen einmal an, dann wird es schon funktionieren."

Die Jungen sollen von den Routiniers lernen, so stellt sich Pointner das vor, die Jungen sollen die Routiniers aber auch anstacheln. Routine oder Jugend indes sind relative Werte, schließlich ist etwa Schlierenzauer bloß zwei Jahre älter als Diethart. Und doch blickt er auf eine Karriere zurück, in der er fast alles gewonnen hat. Selbiges gilt für den auch erst 27-Jährigen Morgenstern, der Schlierenzauer sogar noch olympisches Einzelgold voraushat. Morgenstern hatte kürzlich seinen ersten Weltcupsieg seit fast zwei Jahren gefeiert, tags darauf stürzte er und brach sich den kleinen Finger der linken Hand. Nun trägt er das Handicap einer Manschette.

Die Angst als Begleiter

Pointner hat Morgenstern schon vor dem Tournee-Auftakt "trotzdem Mitfavorit" genannt, Morgenstern sagte: "Das ehrt mich." Mehrfach nahm er aber auch das Wort "Angst" in den Mund, sie ist ein beinah ständiger Begleiter, seit er 2003 in Kuusamo (Finnland) fürchterlich stürzte und wie durch ein Wunder mit leichten Verletzungen davonkam.

Doch Morgenstern weiß: "Wenn es wirklich blöd läuft, kann gleich sehr viel kaputt sein." Auch dieses Wissen begleitet Morgenstern und andere nun nach Garmisch-Partenkirchen, wo die Skispringer den Jahreswechsel begehen – und wo es ebenfalls ordentlich grünt. Die Tournee wird es überleben, die Menschheit auch. (Fritz Neuman, DER STANDARD, 30.12.2013)

Ergebnis: Skispringen Oberstdorf HS 137

  • Aus Niederösterreich aufs Tournee-Podest: Thomas Diethart
    foto: ap/schrader

    Aus Niederösterreich aufs Tournee-Podest: Thomas Diethart

Share if you care.