Schüllers Kirchenkonzept gleicht jenem des Papstes

Kolumne29. Dezember 2013, 16:55
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Einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt ist jedoch die Personalpolitik des neuen Papstes im Vatikan

Bischofsernennungen sind eine der Möglichkeiten eines Papstes, seine Lehren und seine Vorstellungen von der katholischen Kirche durchzusetzen. Papst Franziskus' Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben von einem Pol zum anderen die Bistümer - wo immer es ging - mit Konservativen besetzt. Aufgeschlossenere Kirchenmänner wurden übergangen.

Das hat sich unter Franziskus schon verändert. Es ist anzunehmen, dass Joseph Ratzinger nicht den Grazer Weihbischof Franz Lackner, sondern dessen Salzburger Pendant Andreas Laun als Oberhirten durchgedrückt hätte.

Wenn man den wegen seiner progressiven Rhetorik als Reformpapst eingestuften Franziskus an den Inhalten seiner Lehrschreiben und Ansprachen misst, müssten seinen Ankündigungen fortschrittliche Taten folgen.

Die erste Gelegenheit böte sich in der mitteleuropäischen Kirchenlandschaft bei der Entscheidung über die längst fällige Nachfolge des Grazer Bischofs Egon Kapellari. Dem Papst müsste Helmut Schüller, der Initiator der Pfarrer-Initiative, als ein Kandidat genannt werden. Möglicherweise sieht das Lebenskonzept Schüllers den Aufstieg zum Bischof gar nicht mehr vor. Aber theologisch und kirchenpolitisch wäre er eine konsequente, international Aufsehen erregende Wahl.

Schüller hätte außerdem starke Qualifikationen: Er kennt den pastoralen Bereich, war Generalvikar in Wien und noch dazu Caritas-Präsident. Recht viel für eine Spitzenfunktion in einer gut gemanagten, aber gleichzeitig "der Armut verpflichteten Kirche" (0-Ton Franziskus).

Auch der vor kurzem von den Gremien zum Caritas-Präsidenten bestimmte Michael Landau ist eine Persönlichkeit, die den formulierten Ansprüchen des asketischen Pontifex entsprechen würde. Er käme freilich auch (in einer dann hoffentlich reformierten Kirche) für die Nachfolge von Christoph Schönborn als Wiener Erzbischof infrage. Schönborn ist 68, er wird in sieben Jahren abtreten. Landau wäre dann mit 60 Jahren im besten Bischofs- und Kardinalsalter.

Einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt ist die Personalpolitik des neuen Papstes im Vatikan selbst. Er hat nicht nur den vom Ratzinger-Papst bereits im Wissen um den eigenen Rückzug schnell noch zum Glaubenshüter beförderten deutschen Erzkonservativen Gerhard Ludwig Müller im Amt bestätigt, sondern vor kurzem auch noch Fernando Vergez Alzaga zum Vize-Regierungschef des Vatikan ernannt. Der 67-jährige Spanier, Stellvertreter des Kardinal-Staatssekretärs und Diplomaten Pietro Parolim, ist ein Exponent der "Legionäre Christi", die sich als "geistliche Miliz" verstehen. Diese Gruppierung ist wegen eines Missbrauchsskandals rund um ihren Begründer scharf kritisiert worden. Erst dann hat sie sich von ihm und seinen Verfehlungen distanziert.

Die freudige Aufregung, die Franziskus auslöst, die Reformgesinnung, die er verbreitet, illustrieren eine Seite seiner Amtsführung. Die andere sollte nicht verborgen bleiben: Eine Kurienpolitik mit erheblichen Widersprüchen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 30.12.2013)

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