Währung: Lettland bezahlt den Euro teuer

29. Dezember 2013, 17:20
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Lettland wird mit 1. Jänner den Euro als offizielles Zahlungsmittel einführen. Der Preis für den Schritt war höher als in jedem anderen Land

Riga/Wien – Rekordarbeitslosigkeit, Rezession, immer neue Rettungspakete für Krisenstaaten: Trotz der ständigen Schreckensmeldungen aus Südeuropa hat die lettische Regierung bis zum Schluss Kurs gehalten. Mit 1. Jänner 2014 wird Lettland als 18. Land den Euro als offizielle Währung einführen. Aus Sicht der Eurozone macht der Schritt Sinn, denn Lettlands Wirtschaftsdaten können sich derzeit sehen lassen.

Während die Eurozone im kommenden Jahr laut Prognose der EU-Kommission um ein Prozent wachsen dürfte, wird die lettische Wirtschaft 2014 um 4,1 Prozent zulegen – der bei Weitem höchste Wert im Euroraum. Auch die Arbeitslosigkeit entwickelt sich gegengleich: In der Eurozone wird die Zahl der Arbeitslosen 2014 steigen, in Lettland sinken.

Aber warum tritt der kleine baltische Staat dem Euro bei? Zumal die Regierung in Riga im Jänner gleich einmal 200 Millionen Euro für den Euro-Rettungsschirm bereitstellen muss und den Bürgern im Frühjahr erklären darf, warum man sich am nächsten Hilfspaket für das deutlich wohlhabendere Griechenland beteiligt.

Euro als Staatsdogma

Auf die Frage, warum Lettland den Euro wählt, gibt es zwei Antworten. Die offizielle der Regierung von Premier Valdis Dombrovskis lautet, dass Lettland vom Euro wirtschaftlich profitieren wird. Für die Industrie fallen Kosten für den Währungstausch weg. Der Staat dürfte billiger an Kredite kommen, weil das Fremdwährungsrisiko für Investoren aus dem Euroraum ab Jänner wegfällt. Die zweite Antwort ist komplexer. Die Euroeinführung ist für Lettland nämlich keine rein ökonomische Frage, sondern wurde in der Krise zu einem Staatsdogma.

Zwischen 2000 und 2007 boomte Lettland, dank gestiegener Einkommen und billiger Kredite verdoppelte sich die Wirtschaftsleistung beinahe. 2008 kam mit der
Finanzkrise der Absturz. Billige Bankenkredite versiegten. Lettland hatte ein gigantisches Leistungsbilanzdefizit angehäuft. Das Land importierte weit mehr als es exportierte. Hinzu kamen Probleme im Bankensektor. Das größte Kreditinstitut Parex stand vor der Pleite. Um an frisches Geld zu kommen, musste Riga bei EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) um einen milliardenschweren Notkredit ansuchen.

Der IWF und viele Ökonomen rieten Riga dazu, die Landeswährung Lats sofort abzuwerten. Dadurch werden Exporte schlagartig billiger. Das Land hätte sich rasch sanieren können. Doch der Lats ist seit 2005 an den Euro gekoppelt – eine Vorbedingung für den Euro-Beitritt. Mit einer Abwertung wäre Lettlands Weg in den Euro verbaut gewesen. Hinzu kam, dass rund 80 Prozent der Kredite in Euro vergeben wurden, eine Abwertung hätte also für viele Haushalte einen teuren Einschnitt bedeutet.

So entschied sich Riga, über Lohnkürzungen und Einsparungen wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Das setzte der Wirtschaft weiter zu: 2009 und 2010 brach sie um 25 Prozent ein. Die Arbeitslosigkeit vervierfachte sich auf 20 Prozent. Mehr als 100.000 Letten verließen das Land. Die Regierung strich Beamtengehälter zusammen und erhöhte die Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent. Nach diesem Martyrium im Namen des Euro wäre es schwer argumentierbar, nun nicht die Gemeinschaftswährung zu wählen, obwohl nach jüngsten Umfragen nur jeder zweite Lette den Euro befürwortet.

Die Chancen stehen gut, dass Lettland in der Eurozone bald zum Vorzeigeland in Sachen Sparsamkeit wird. Denn der Spar- und Sanierungskurs von EU und IWF hat auf den ersten Blick gegriffen. Die Arbeitslosigkeit fällt derzeit rapid und liegt bei "nur"  noch 11,9 Prozent. Die Exportindustrie boomt wieder. Ein kürzlich veröffentlichtes Papier des IWF, an dem Olivier Blanchard, Chefökonom des Fonds, mitgeschrieben hat, kommt allerdings zum Schluss, dass die Stärke der lettischen Wirtschaft nicht mit dem Sanierungsprogramm zusammenhängt.

Idee der IWF/EU-Programme ist es, die Exportindustrie der Krisenländer wettbewerbsfähiger zu machen, indem Löhne im Privatsektor fallen. Dies soll durch höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Beamtengehälter und Schwächung der Gewerkschaften möglich werden. Durch die niedrigen Löhne sollen Produkte der Unternehmen am Weltmarkt billiger werden. In Lettland sind die Löhne im Exportsektor (exportiert werden vor allem Holzprodukte) aber nie gefallen, Produktpreise sind nicht gesunken. Die Unternehmen sind seit 2009 dennoch deutlich produktiver geworden, wodurch sich vor allem die Qualität der lettischen Waren verbessert hat. (Andras Szigètvari, DER STANDARD, 30.12.2013)

  • Lettland könnte in der Eurozone zum Vorzeigeland in Sachen Sparsamkeit werden.
    foto: apa/epa/olivier hoslet

    Lettland könnte in der Eurozone zum Vorzeigeland in Sachen Sparsamkeit werden.

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