Lawinentraining: Die Schulbank im Tiefschnee

29. Dezember 2013, 16:48
23 Postings

In Osttirol halten seit 2009 Alpinpolizei, Bergrettung und Bergführer an Schulen Workshops über alpine Gefahren vor allem im freien Gelände ab. Die Teilnahme ist für alle Jugendlichen Pflicht

Matrei - Kalser Kinder, sagt Toni Riepler, sind weiter. "Kals", erklärt der Bergretter und Bergführer, "ist eine Berghochburg: Hier sind viele Eltern in alpinen Vereinen aktiv." Doch das änderte nichts am großen Aha-Erlebnis, das die Schüler der dritten Klassen der Hauptschule Kals kurz vor Weihnachten hatten: "Wenn man am eigenen Leib spürt, wie hilflos man ist, rüttelt das auf", sagt Riepler. Und setzt nach: "Auch wenn es nur eine Übung ist."

Die Übung: Aus dem Schnee, knapp neben der Piste, ragte die Hand einer Puppe. "Das ist ein Freund von euch. Er wurde verschüttet. Holt ihn raus", sagt Riepler. Weil Kalser Kids weiter als andere sind, wussten sie: Nach 15 Minuten sinken die Chancen, eine Verschüttung zu überleben, rapide. Worauf es jetzt ankommt: Tempo. Der Bergretter schickte die Jugendlichen aber ohne jenes Equipment los, das abseits der Piste Standard ist. "Sein sollte", korrigiert Riepler: Lawinenpieps, Sonde, Schaufel.

"Alle wollen ins Gelände"

"Die Jugendlichen graben jedes Mal wie irre", sagt Martin Rainer. "Sie erleben, dass es unmöglich ist, ohne Notfallausrüstung Leben zu retten. Hier ist es die Puppe. Im echten Leben wäre es ein Freund." Rainer ist HAK-Lehrer in Lienz, außerdem leitet er das Austria Alpinkompetenzzentrum Osttirol in Matrei. Die Übung ist Teil eines Workshops, den der Verein an allen Osttiroler Hauptschulen und Gymnasien abhält. Alpinpolizisten, Bergretter und Bergführer bringen Schüler der dritten Klassen beim "3! Winter Life Camp" Grundwissen über richtiges Verhalten auf dem Berg bei - auf den und abseits der Pisten.

Die Zielgruppe der "Mounteens" wächst rasant. "Alle wollen ins Gelände. Verbieten bringt nichts." Also entwickelte Rainer mit Kollegen jenes Programm, das in Osttirol seit 2009 für 600 Jugendliche eine schulische Pflichtveranstaltung ist. Nach ein paar Einheiten Theorie über Fis-Regeln und allgemeine Gefahren im Klassenraum geht es mit der Alpinpolizei hinauf auf die Piste: kritische Stellen und Verhaltensmuster erkennen, Unfallorte absichern. Dann werden mit Bergführern im freien Gelände Schneeverhältnisse eingeschätzt und Situationen bewertet.

"Am Anfang haben sich Lehrer gesträubt", sagt Rainer, "heute rufen sie an: Wann kommt ihr?" Die Matreier pendeln auch zu Schulen nach Salzburg und Kärnten. 700 Euro kostet ein Projekttag. Die Kosten trägt das Alpinkompetenzzentrum, das wiederum vom Sportministerium und vom Land Tirol gefördert wird. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, 30.12.2013)

  • "Die Jugendlichen graben jedes Mal wie irre", sagt HAK-Lehrer Martin Rainer.
    foto: www.alpinkpompetenzzentrum.at

    "Die Jugendlichen graben jedes Mal wie irre", sagt HAK-Lehrer Martin Rainer.

  • Nach ein paar Einheiten Theorie über Fis-Regeln und allgemeine Gefahren im Klassenraum geht es mit der Alpinpolizei hinauf auf die Piste.
    foto: www.alpinkpompetenzzentrum.at

    Nach ein paar Einheiten Theorie über Fis-Regeln und allgemeine Gefahren im Klassenraum geht es mit der Alpinpolizei hinauf auf die Piste.

Share if you care.