Der freundliche Onkel mit der dunklen Agenda

29. Dezember 2013, 16:46
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In der Türkei ist der Machtkampf zwischen den Islamisten voll entbrannt. Fethullah Gülen hetzt seine Polizisten und Staatsanwälte auf die Regierung, glaubt Premier Erdogan.

Hakan Sükür, die türkische Fußball-Legende, nennt ihn den "Hocaefendi", den verehrten Lehrer, als er dieser Tage seinen Austritt aus der Regierungspartei AKP bekanntgibt. Auch für Bülent Arinç, den Vizepremier, für den Industriekapitän Ahmet Çalik oder für Eyüp Can, den Chefredakteur der liberalen türkischen Tageszeitung Radikal, ist er der Hocaefendi: Fethullah Gülen, der Prediger und mächtigster Gegenspieler des türkischen Regierungschefs Tayyip Erdogan.

Ob Gülen der böse Imperator ist und Erdogan der aufrechte Anführer der Jedi-Ritter, oder ob es nicht eher umgekehrt ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber in dieser Spielklasse bewegt sich der Kampf der beiden Islamisten, in dem nun die ganze Türkei steckt.

Salven aus dem Exil

In wohlgesetzten Worten feuert der 75-jährige Gülen aus seinem selbstgewählten Exil in Saylorsburg, Pennsylvania, auf die Regierung in Ankara. "Möge Gott ihre Häuser verbrennen und ihre Dächer auf ihre Köpfe fallen lassen", ließ er über herkul.org, eine seiner Internetseiten, verbreiten. "Scharlatanerie und Dialektik haben der Denkfähigkeit und Vernunft den Weg verstellt", erklärte er am vergangenen Wochenende. Da hatte Erdogan wieder eine seiner Volkstribunenreden in der anatolischen Provinz geschwungen.

Fethullah Gülen hat seine Staatsanwälte und Polizisten auf die Regierung Erdogan gehetzt - so sehen es der Premier und dessen Gefolgsmänner. Ganz unrecht haben sie wohl nicht. Die Razzien vom 17. Dezember und die vorangegangenen, lange geheim gebliebenen Ermittlungen gegen Minister der konservativ-islamischen Regierung mögen durchaus das Werk auch von Mitgliedern von Gülens unsichtbarer "Gemeinde", der "cemaat", sein. Dass die Vorwürfe der Justiz richtig sein könnten, die Anschuldigungen der Korruption, der ungenierten Vetternwirtschaft - das steht freilich auf einem anderen Blatt.

Das alles wird keine leichte Sache, sagt Nedim Sener voraus, ein preisgekrönter investigativer Journalist: "Entweder bringt die cemaat die AKP um, oder die AKP wird sie umbringen."

"Wer sie berührt, verbrennt"

Sener hat seine Erfahrungen mit dem Netzwerk des Predigers gemacht. Ein Jahr saß er zusammen mit dem Journalistenkollegen Ahmet Şık in Untersuchungshaft für Veröffentlichungen, die die Verbindungen zwischen der "Gemeinde" und den Massenprozessen belegen sollten. Şık hatte sein Buch über die angebliche Unterwanderung der türkischen Polizei durch die Gülenisten noch gar nicht veröffentlicht, als er verhaftet wurde. "Wer sie berührt, wird verbrannt", stellte der Aufdeckerjournalist fest. Erdogan hatte die Verhaftungen damals gutgeheißen. Bei einem Auftritt im Europarat 2011 verglich er die beiden Journalisten mit Bombenlegern, die gefährliches Material zusammengetragen hätten. Jetzt haben sich die Fronten verkehrt.

Gülen und die AKP repräsentieren zwei Denkrichtungen des politischen Islam in der Türkei: eher pro-westlich, pro-europäisch und liberal der eine; konservativ, nationalistisch und die sunnitische Mehrheit betonend die andere. Beide verband die Furcht vor dem kemalistischen Staatsapparat - der Armee und der mit ihr zusammenarbeitenden Justiz. Als die Regierung Erdogan nach und nach Richter und Generäle entmachtete, löste sich auch das Band zwischen den beiden islamistischen Lagern. Gülens "cemaat", die unsichtbare "Gemeinde" in Wirtschaft, Medien und Behörden, begann den Premier und seine ihm hörige Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zu kritisieren: Erdogan sei ein autoritärer Machtmensch, seine Partei unwillig und unfähig, den Kurs der demokratischen Reformen in der Türkei weiter zu halten.

Der Anteil der "Cemaat-Wähler" im Lager der AKP mache höchstens drei Prozent aus, versuchten Parteifunktionäre zu beruhigen, als Erdogan im November den Streit um die Schließung der Nachhilfeschulen lostrat, das große Rekrutierungsbecken des Gülen-Netzwerks. Das scheint kaum glaubhaft.

Glaube genügt

Der Unterricht an den staatlichen Schulen in der Türkei gilt als so schlecht, dass Eltern ihre Kinder am Wochenende lieber in die Nachhilfeschulen schicken. Die Dershane des Gülen-Netzwerks haben den Ruf, die besten zu sein. Und sie sind sozial: Wer nicht zahlen kann, zahlt eben nicht; der Glaube genügt.

Auf weltweit drei Millionen Anhänger schätzt der türkische Politologe und Cemaat-Experte Bayram Balci die Größe des Gülen-Netzwerks. Bildung ist sein Tätigkeitsfeld, "temsil" - das "beispielhafte Auftreten" - sein Lockmittel: höflich, respektvoll, bescheiden; nicht mit dem Koran in der Hand, nicht laut und zornig wie Erdogan, keine neureichen SUV-Fahrer, deren Frauen Kopftücher französischer Luxusmodemarken tragen.

1999 setzte sich Gülen in die USA ab. Kurz danach tauchte ein Video auf, in dem der Hocaefendi die Anweisung zur Infiltration des türkischen Staats gibt: "Ihr müsst euch in den Arterien des Systems bewegen, ohne dass jemand eure Existenz bemerkt, bis ihr alle Zentren der Macht erreicht habt." (Markus Bernath, DER STANDARD, 30.12.2013)

  • Mächtiger Mann im Exil: Fethullah Gülen lebt in den USA. 1938 in Erzurum geboren, ging er in den 1960er-Jahren als Imam nach Izmir und gründete seine eigene Bewegung im Gefolge des islamischen Reformers Said Nursi (1878-1960). Gülen predigt Toleranz und unterhält ein weltweites Netz.
    foto: reuters/selahattin sevi/zaman daily via cihan news agency

    Mächtiger Mann im Exil: Fethullah Gülen lebt in den USA. 1938 in Erzurum geboren, ging er in den 1960er-Jahren als Imam nach Izmir und gründete seine eigene Bewegung im Gefolge des islamischen Reformers Said Nursi (1878-1960). Gülen predigt Toleranz und unterhält ein weltweites Netz.

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