Forschungsschiff im Südpolareis wartet weiter auf Rettung

29. Dezember 2013, 12:45
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Den 74 Menschen an Bord geht es gut - Sie vertreiben sich die Zeit mit Singen und Tanzen auf dem Eis

Sydney - Polareis blockiert weiter ein Forschungsschiff mit Wissenschaftern und Touristen an Bord in der Antarktis. Der Eisbrecher "Aurora Australis" auf Rettungsmission war am Sonntag (04.00 Uhr MEZ) noch etwa 180 Kilometer von der "MV Akademik Shokalskiy" entfernt, berichtete die Seesicherheitsbehörde (AMSA). Er sollte die Region in der Nacht auf Montag (Ortszeit) erreichen.

Hubschrauber könnte Passagiere retten

Ob der Eisbrecher sich aber einen Weg bis zum Forschungsschiff bahnen kann, blieb fraglich. "Ein chinesisches Schiff mit Hubschrauber an Bord ist in der Nähe", teilte die Behörde mit. "Der könnte eingesetzt werden, wenn die "Aurora Australis" das Eis nicht durchbrechen kann." Den 74, seit dem Christtag festsitzenden Menschen an Bord gehe es gut, versicherte die Behörde.

Die "MV Akademik Shokalskiy"" ist nicht das erste Schiff, das im dicken Polareis feststeckt. (siehe Wissen unten) Was tun bei Minusgraden in der Antarktis, wenn weit und breit nur Eis und ein paar Pinguine zu sehen sind? Die 74 Passagiere haben immerhin 71 Meter Schiff, zwei Decks, ein Kino, eine Bücherei, eine Bar. Und jede Menge gute Laune, wie Passagiere per Video-Link versichern.

"Hallo Mama und Papa, ihr habt es bestimmt gehört: Wir sitzen ein bisschen im Eis fest, aber macht euch keine Sorgen", erzählt zum Beispiel Patrick Bevan am Sonntag. "Wir waren heute auf dem Eis, der Trainer hat einen Parcours eingerichtet, so konnten wir ein bisschen rumrennen - ihr seid sicher froh zu hören, dass ich mich fit halte."

Fotos von der Winterlandschaft

Alicia Guerrero geht auf Tuchfühlung mit den Pinguinen: "Es geht uns so fantastisch gut hier, ich habe schon Millionen von Fotos gemacht", erzählt sie fröhlich. "Spektakulär ist es, eine magische Winterlandschaft!", begeistert sich Nicole de Losa. "Die Stimmung an Bord ist fantastisch, wir tanzen auf dem Eis!" An Bord sind neben Crew und Wissenschaftern auch 26 Touristen. Für sie wird das fünfwöchige Polarerlebnis zum echten Abenteuer.

Klimaforscher in seinem Element

Oberster Stimmungsmacher an Bord ist Expeditionsleiter Chris Turney. Er twittert, emailt, spricht über Satellitentelefon mit der Welt und legt den Enthusiasmus eines Kindes im Vergnügungspark an den Tag. Kein Wunder: Der Klimaforscher ist in seinem Element. Die Expedition ist auf den Spuren des Polarforschers Douglas Mawson unterwegs, und Turney unternimmt eine Reihe wissenschaftlicher Experimente, um dessen damalige Messungen zu überprüfen.

Der fröhliche Australier hat aber ein größeres Anliegen: Er will der Welt die wunderbare Natur der Antarktis nahebringen. Deshalb hat er von Anfang an alle technischen Raffinessen genutzt, um Pantoffel-Abenteurer, die die Expedition nur am Bildschirm verfolgen, so nah wie möglich heranzuholen. Die Publicity um das im Eis gestrandete Schiff ist für ihn eigentlich perfekt.

Lage verschlechtert

Allerdings hat sich die Lage seit dem Heiligen Abend, als sich der Eisring um die "Shokalskiy" schloss, deutlich verschlechtert. Erst waren es nur zwei Kilometer Eis, die das Schiff vom offenen Meer trennten - ein Klacks für jeden Eisbrecher. Dann waren es über Nacht plötzlich 20 Kilometer Eis. Auch kein Problem, tönte Turney fröhlich von Bord, denn da sichtete er die vermeintliche Rettung schon am Horizont: in Form des chinesischen Eisbrechers "Snow Dragon".

Doch musste selbst das für harscheste Bedingungen gebaute Schiff angesichts der wachsenden Eisdecke sechs Kilometer vor dem Ziel aufgeben. "Das Wetter ist extrem hier", räumte Turney ein. Ein zweiter Eisbrecher brach seinen Rettungsversuch daraufhin schon in meilenweiter Entfernung ab. Blieb noch der alarmierte Eisbrecher "Aurora Australis". Wenn der es auch nicht schafft, soll der Hubschrauber des chinesischen Eisbrechers die Leute herausholen.

Trockenmahlzeiten und Tanz

"Das wäre aber nur der allerletzte Ausweg", sagt Turney. "Wir haben jede Menge Brennstoff und frisches Essen für zwei Wochen an Bord", versichert er. "Und für weitere sechs Wochen köstliche Trockenmahlzeiten." So lange dürften die Behörden die Expedition nicht im Eis sitzen lassen. Das Schiff sollte am 6. Jänner wieder in Bluff in Neuseeland sein. Nach dem Tanzen war Singen auf dem Eis geplant. Vielleicht erweicht das ja den Wettergott. (Christiane Oelrich/dpa, red, derStandard.at, 29.12.2013)

Nachlese: Eisbrecher gibt auf: Keine Rettung für Schiff im Polareis

Wissen: Wenn Eisbrecher helfen müssen

Wegen dicker Eismassen sitzen Schiffe mitunter tagelang fest. Eisbrecher helfen, sie zu befreien. Doch manchmal klappt auch das nicht. Eisbrecher müssen aufgeben, wie jetzt im Polareis. Weitere Beispiele für geglückte und gescheiterte Rettungsaktionen:

März 2010: Die vom Ostsee-Eis eingeschlossene Fähre "Amorella" mit knapp 1.000 Reisenden an Bord kommt frei. Mehrere Eisbrecher schufen eine Fahrrinne in den Schären nördlich von Stockholm. Damals wurden in der Ostsee vor Finnland und Schweden etwa 50 Schiffe vom Eis am Weiterkommen gehindert.

November 2009: Manchmal sitzen auch Eisbrecher fest: Das russische Spezialschiff "Kapitän Chlebnikow" kommt langsam in der Antarktis frei. Das umfunktionierte Kreuzfahrtschiff hat 105 Touristen an Bord. Das Eis war sehr dick zu der Jahreszeit.

Jänner 2009: Im Sankt-Lorenz-Strom im Osten Kanadas bleibt ein Kreuzfahrtschiff mit 300 Menschen an Bord im Eis stecken. Nach ein paar Tagen kommt es wieder frei, nachdem ein Eisbrecher für das Schiff eine Fahrrinne freigemacht hat.

Dezember 2002: Das deutsche Forschungsschiff "Magdalena Oldendorff" läuft nach knapp 200 Tagen im antarktischen Eis in den Hafen von Kapstadt ein. Das Schiff war im Juni von Eis eingeschlossen worden und musste in der Muskegbukta-Bucht des Südpolarmeeres überwintern. Der argentinische Eisbrecher "Almirante Irizar" hatte vergeblich versucht, dem Schiff eine Fahrrinne durch das Eis zu bahnen.

Oktober 1983: Der sowjetische Frachter "Nina Sagaidak" wird zwischen Sibirien und Alaska von Eismassen umschlossen und aufgeschlitzt. Das Schiff sinkt. Auf zwei Eisbrechern stationierte Hubschrauber retten die gut 50 Menschen an Bord. (APA)

  • Die "MV Akademik Shokalskiy" steckt fest.
    foto: apa/epa/andrew peacock / footloo

    Die "MV Akademik Shokalskiy" steckt fest.

  • 20 Kilometer Eis.
    foto: ap/andrew peacock

    20 Kilometer Eis.

  • Die 74 Passagiere turnen und tanzen am Eis.
    foto: ap/andrew peacock

    Die 74 Passagiere turnen und tanzen am Eis.

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