Venedig sehen und sterben

27. Dezember 2013, 19:56
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Es riecht nach Seetang auf den Fotos von Eckhard Waasmann, nach Farbe, nach Leder und Schuhriemen

Gemeinhin meint man, Venedig in und auswendig zu kennen. Genauer betrachtet aber kennt das Gros der Touristenströme jenen Teil der Serenissima, den man bei Schönwetter entlang der ausgetretenen Pfade entlanggespült wird.

Selten aber verirrt sich jemand im Winter in die kleinen Gassen, die engen Calli, die Viertel nördlich des Ponte di Rialto. Das Ghetto, das Arsenal, Zattere sind Orte von beschaulicher Melancholie, von Entrücktheit und Ruhe. Kontemplative Refugien verbergen sich aber auch oft nur ganz knapp neben den Hauptstraßen, unweit der Arkaden zu San Marco, in den Seitengassen, wo Handwerker und Künstler in kleinen Ateliers, in winzigen Werkstätten alten Traditionen frönen, alte, fast ausgestorbene Professionen pflegen, weitergeben, nachfolgenden Generationen vermitteln.

Es riecht nach Seetang auf den Fotos von Eckhard Waasmann, nach Farbe, nach Leder und Schuhriemen, nach frischem Fisch, nach frisch gerösteten Mandeln, nach Tartuffi und nach Papyrus. Auf den Fotos des vor wenigen Jahren aus der Tretmühle von Agentur- und Verlagswesen abrupt Ausgestiegenen hört man beinahe die Nebelhörner, das Schlagen der Ruder auf dem Wasser. Der Autodidakt widmet sich seit Jahren der Dokumentation des Verborgenen der Serenissima, als die Venedig, die mutmaßlich sterbende, versinkende Stadt, apostrophiert wird.

Seine Fotoserien zeugen von der Stille hinter den touristischen Prachtkulissen, die das Leben der Stadt ausmachen. Oszillierend zwischen katholischer Tradition, ehemaliger Weltherrschaft und dem Charme desolé des stetig dräuenden Hochwassers. Still, beseelt, aufatmend. (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, 28./29.12.2013)

Eckhard Waasmann, "Venedig im Winter". Hrsg.: Johannes Thiele. € 39,- / 192 Seiten. Thiele/CBV-Verlag, Wien / München 2013

  • "Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist a bissl anders", meinte einstmals Friedrich Torberg.
    foto: aufschlagseite aus eckhard waasmanns "venedig im winter" / cremer

    "Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist a bissl anders", meinte einstmals Friedrich Torberg.

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