Großanschlag in Beirut: Der Sog nach unten

Kommentar27. Dezember 2013, 18:35
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Bis vor nicht allzu langer Zeit waren die Auseinandersetzungen zwischen Assad-Gegnern und -Anhängern im Libanon geografisch eingegrenzt

Ein Attentat im Herzen Beiruts, unweit der Stelle, an der 2005 der sunnitische Expremier Rafik Hariri durch einen Sprengstoffanschlag ermordet wurde: Wie sich die Bilder gleichen. Diesmal war die Tat gegen einen politischen Weggefährten des Hariri-Sohns Saad gerichtet. Mohammed Shatah war unterwegs zu einem Treffen der Allianz des 14. März, der politischen Gruppierung rund um Hariri. Und Mitte Jänner, fast neun Jahre nach dem Hariri-Mord, soll in Den Haag der Prozess des Uno-Sondergerichts gegen Angehörige der schiitischen Hisbollah beginnen; in absentia, sie wurden nie ergriffen.

Eine klare Sache also? Nichts ist klar im Libanon – außer dass der "Hausfrieden" , zu dem sich die verfeindeten politischen Parteien in der Baabda-Erklärung im Juni 2012 verpflichteten, weiterhin bröckelt. Beide politischen Blöcke, die sunnitische Allianz des 14. März und die schiitische Allianz des 8. März – benannt nach dem Datum von Großdemonstrationen nach dem Hariri-Mord –, beschuldigen einander, den Syrien-Konflikt in den Libanon zu importieren. Hisbollah-Kämpfer sind in Syrien an der Seite des Assad-Regimes im Einsatz. Auch libanesische Sunniten kämpfen dort – auf der anderen Seite –, aber sie sind nicht Hariri zuzurechnen, sondern extremistischen Kreisen. Die gemäßigten Sunniten sind geschwächt, nicht zuletzt durch die Dauerabwesenheit ihres politischen Führers Saad Hariri, der aus Sicherheitsgründen im Ausland ist.

Bis vor nicht allzu langer Zeit waren die Auseinandersetzungen zwischen Assad-Gegnern und -Anhängern im Libanon geografisch eingegrenzt: Vor allem Tripoli war das Zentrum der Gewalt. Heuer kam die südliche Stadt Sidon dazu, später wieder Beirut, wo sich Anschläge auch gegen die Verbündeten Assads richteten, etwa die iranische Botschaft. Vermehrt tauchen radikalsunnitische Palästinenser aus den Flüchtlingsstädten als Akteure auf – etwa Mitte Dezember mit einem Selbstmordattentat gegen einen Armeecheckpoint. Diese gezielten Angriffe gegen Sicherheitskräfte sind ebenfalls eine neue Entwicklung.

Der Libanon ist nunmehr mit zwei inneren Fronten konfrontiert: An der einen stellen konfessionelle Gruppen den Bürgerkrieg in Syrien nach, an der anderen soll mit Attentaten gegen staatliche Einrichtungen und gegen Offizielle die Widerstandskraft des Landes geschwächt werden. Der Sog nach unten wird immer stärker. Nur eine Lösung in Syrien könnte helfen, aber die ist weit entfernt. (DER STANDARD, 28.12.2013)

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