Europa missbraucht Lampedusa

Blog27. Dezember 2013, 17:49
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Die Bürgermeisterin Giusi Nicolini erzählt von den Problemen der Insel

Wir werden in den Morgenstunden des Samstags Richtung Porto Empedocle, Sizilien, in See stechen. Aber verlassen werde ich Lampedusa nicht.

Fisch und Touristen

Hinter der Idylle verbirgt sich ein so anderes Leben, als wir es kennen. Wenn die Fähre nicht kommt, bleibt der Nachschub für die ohnehin nicht üppig gefüllten Supermärkte aus. Gebracht wird nur, was auch gekauft wird, und das ist nicht viel. Von den drei Monaten Tourismus muss das Jahr über gelebt werden, da gibt es keine Extras. Weihnachtsgeschenke sind rar, selbst das Essen für Familie und Freunde muss kalkuliert werden. Strom ist extrem teuer. Bitzi, eine junge Wienerin, die seit einiger Zeit auf der Insel lebt, erzählt, dass sie für einen kleinen Haushalt 180 Euro für Strom bezahlen - pro Monat! Sonnenkollektoren und Warmwasserspeicher - wie sonst in südlichen Ländern üblich - sehen wir kaum.

"Den Strom machen wir hier in einem Kraftwerk - mit Diesel", sagt Bitzi bitter und verzieht die Mundwinkel in dieser gewissen, verschwörerischen Art. "Du kannst dir denken, warum." Bitzi kam hierher, um sich für Flüchtlinge zu engagieren. Sie musste aber feststellen, dass das unmöglich ist, wenn man nicht einer der hier vertretenen NGOs angehört. Dann hat sie sich in einen Fischer verliebt und blieb. Mittlerweile plant sie ihre Rückkehr, nicht unmittelbar, aber doch irgendwann. Das Leben ist nicht einfach auf der Insel.

Während der Weihnachtstage bleiben die Fischerboote im Hafen, ein veritabler Sturm aus Süd zieht auf, selbst die Küstenwache bringt ihr größtes Schiff in Sicherheit, und wenig später verwandelt sich der Hafen in ein kochendes Gewässer. Ich freue mich jetzt schon auf den Dokumentarfilm von Jakob Brossmann, der über einen längeren Zeitraum seine ganze Aufmerksamkeit diesem Ort und seinen Bewohnern widmet.

Kleine Insel, große Frau

Die Bürgermeisterin, Giusi Nicolini, empfängt uns. Das war lange Zeit nicht sicher, die Medienpräsenz der letzten Wochen war anstrengend, und eigentlich wollte sie keine Interviews mehr geben. "Sie wollen über die Flüchtlinge sprechen? Die Katastrophen? Die Zustände?", fragt sie, und ich antworte: "Nein. Ich will über Lampedusa reden."

Und dann reden wir über das Eiland, über die Menschen, über Heimat, Grenzen, Außenposten und Abgeschiedenheit, die Absurdität und die Dummheit der "Wir machen die Grenzen dicht"-Politik. Wir sprechen über Italien, Sizilien und Europa. Und über die Feigheit der Politiker. Sie stellt fest, dass es keinen Unterschied mache, ob diese links oder rechts stattfinde. "Mut", sagt sie, "den Politikern fehlt der Mut." Wir sprechen über Wohlstand und Lebensstandard und einmal mehr über Ängste - und kommen wieder zurück zum Versagen der Politik in den Nationalstaaten und gleichermaßen auf europäischer Ebene.

Bis zu zweitausend Uniformierte

Sie spricht von den Lügen, mit denen die Politik die Ängste der Menschen benutzt, um Stimmen zu erheischen. Wer uns weismacht, dass unser Wohlstand ohne Zuwanderung haltbar sei, sei nichts anderes als ein Lügner, und wer die Lüge glaubt, lüge vor allem sich selbst in die Tasche. Sie erzählt von den Problemen der Insel: Bis zu zweitausend Uniformierte seien hier, fast so viele wie die Hälfte der Bevölkerung. Sie erzählt von der Fähre, von Sizilien und davon, dass Menschen ihre Häuser verkaufen müssen, um sich im Falle von komplizierten Erkrankungen woanders behandeln lassen zu können.

"Du kannst dir hier nicht mal einen Gips machen lassen, wenn du dir den kleinen Finger brichst!", hatte Bitzi uns tags zuvor erzählt. "Du brauchst nicht zu glauben, dass du deine E-Card hinhältst, und damit ist es erledigt. Sebst für eine Routineuntersuchung musst du im Spital zumindest 30 Euro zahlen, und eine Schwangerschaft wird auf der Insel zum Abenteuer. Für die meisten Untersuchungen musst du sowieso nach Palermo reisen, mit einer alten Fähre, die zehn Stunden bis zur Südküste Siziliens braucht und nur bei gutem Wetter fährt."

Nicht vergessen, missbraucht

"Es wird von uns erwartet, dass wir Europa repräsentieren, wir sollen die 'Festung Europa' sein. Die Migranten, die hier ankommen, glauben, Europa erreicht zu haben!", sagt Nicolini und schüttelt den Kopf. "Dabei ist Europa doch so weit weg." Wenig später komme ich aus dem Rathaus, blicke über den Fußballplatz zum Bootsfriedhof, und eine Sturmbö peitscht den Regen waagerecht durch die Luft.

Europa missbraucht Lampedusa. (Fabian Eder, derStandard.at, 27.12.2013)

  • Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini.
    foto: fabian eder

    Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini.

  • Noch legt das Boot in Lampedusa an. Am Samstag geht es Richtung Sizilien.
    foto: fabian eder

    Noch legt das Boot in Lampedusa an. Am Samstag geht es Richtung Sizilien.

  • Auf Lampedusa gibt es bis zu zweitausend Uniformierte.
    foto: fabian eder

    Auf Lampedusa gibt es bis zu zweitausend Uniformierte.

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