Schoppmann vor Schlierenzauer

27. Dezember 2013, 16:11
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Die 62. Vierschanzentournee könnte aus österreichischer Sicht eine historische werden. Der sechste ÖSV-Sieg en suite hängt in der Luft, und Gregor Schlierenzauer will mit dem Norweger Björn Wirkola gleichziehen

Juliette Schoppmann ist nicht irgendwer, also nimmt es kaum wunder, dass ihr die Skispringer den Vortritt überließen. Nicht Gregor Schlierenzauer und Konsorten haben die 62. Vierschanzentournee eröffnet, sondern Frau Schoppmann hat das getan, sozusagen als Vorsingerin. 2003, also bei der ersten Staffel von DSDS (für Banausen: Deutschland sucht den Superstar), hat es Schoppmann ins Finale geschafft, zehn Jahre und ein Soloalbum (Unique) später sollte sie am Freitag im Nordic Park zu Oberstdorf mit To The Sky, dem offiziellen Song der Tournee, wieder einen großen Auftritt haben. Natürlich gibt es auch inoffizielle Songs, etwa:"Und wir haben ein Idol: Harald Juhnke!, das funktioniert zur Melodie von Michael, row the boat ashore, halleluja, die sich auch eine gewisse, auf der Alm stehende Kuh bereits angeeignet hat.

Soll noch einer sagen, Sport und Kultur gingen nicht zusammen. Die Skispringer setzen heute, Samstag, mit der Qualifikation zum Tournee-Auftaktspringen fort. Die Veranstalter der vier Bewerbe hoffen, dass der jeweilige Quali-Durchgang diesmal auch von den besten, also fix qualifizierten Springern bestritten wird. Es wurde eigens ein Preisgeld von jeweils 2000 Euro für jeden Quali-Sieger ausgelobt, um den Wert des Events zu erhöhen und damit nicht zuletzt einer Forderung der TV-Anstalten nachzukommen.

Einem Gregor Schlierenzauer könnte es, im Gegensatz zu den meisten Kollegen, auf 2000 Euro nicht ankommen. Der 23-Jährige hat mit einer Ausnahme gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Die eine Ausnahme ist olympisches Einzelgold, die nächste Chance darauf bietet Sotschi im Februar 2014. Doch schon auf den vier Schanzen - Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck, Bischofshofen - kann Schlierenzauer Historisches schaffen, nämlich mit dem Norweger Björn Wirkola gleichzuziehen, der allein bis dato drei Gesamtsiege en suite feiern konnte (1967, 1968, 1969). Auch mit neun Tagessiegen im Rahmen der Tournee ist Schlierenzauer auf dem Sprung, die Spitzenreiter Wirkola und Jens Weißflog (je zehn) zumindest einzuholen.

Aus der ÖSV-Mannschaft von Cheftrainer Alexander Pointner ragt Schlierenzauer derzeit besonders weit heraus. Wenn einer für den sechsten Gesamtsieg en suite sorgen kann, dann er. Es sieht ein wenig nach einer Wachablöse aus. Die früheren Gesamtsieger? Wolfgang Loitzl kämpft seit Saisonbeginn um die Form, Andreas Kofler fiel nach starkem Saisonbeginn stark zurück. Und Thomas Morgenstern siegte zwar bereits, stürzte aber schwer und regenerierte hernach. Sein Start ist gewiss, aber gut möglich also, dass die österreichische Serie reißt, vor allem mit dem polnischen Weltcupführenden Kamil Stoch, zuletzt jeweils zweimal Erster und Zweiter, und dem Norweger Anders Bardal ist zu rechnen.

Old Boys Club

Ansonsten darf man gespannt sein auf, nun ja, alte Haudegen wie die Japaner Noriaki Kasai (41) und Takanobu Okabe (43), den Deutschen Martin Schmitt (35), der 1998, 1999 und 2000 in Oberstdorf siegte, den Finnen Janne Ahonen (36), der wegen Sotschi wieder einmal ein Comeback gibt, und den Schweizer Simon Ammann (32), der viermal Olympiagold, aber noch nie die Tournee gewann.

Einem Michael Edwards könnte es, im Gegensatz zu Schlierenzauer, sehr wohl auf ein paar Euro ankommen. Edwards, besser bekannt als "Eddie the Eagle", ist seit dem Tod seiner Frau 2004 alleinerziehender Vater von fünf Kindern. In den 80ern war der englische Maurer ein Star, nicht weil er etwa so weite, sondern weil er so kurze Sprünge setzte - und weil er sich vor dem Absprung regelmäßig seine beschlagenen Brillengläser putzte. Nun, mit 50, hatte Edwards darum angesucht, als Vorspringer in Garmisch an den Start gehen zu dürfen. Das war den Veranstaltern denn doch zu riskant, doch holten sie ihn nach Oberstdorf, wo er sich im Vorprogramm auf einer kleinen Schanze mit Kindern des lokalen Skiklubs messen darf. Eddie ist schließlich nicht irgendwer. (Fritz Neumann aus Oberstdorf, DER STANDARD, 28.12.2013)

  • Gregor Schlierenzauer im Landeanflug auf Oberstdorf. Der Tiroler peilt den dritten Tourneesieg en suite an.
    foto: reuters/michael dalder

    Gregor Schlierenzauer im Landeanflug auf Oberstdorf. Der Tiroler peilt den dritten Tourneesieg en suite an.

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    grafik: apa
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