Michael Glawogger in Laktaši: Tischtücher

28. Dezember 2013, 17:00
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Der österreichische Dokumentarist berichtet von einer neuen Station auf dem Weg zum "Film ohne Namen", diesmal in Bosnien und Herzegowina

Er fuhr mit der Handfläche über das Tischtuch und fühlte sich zu Hause. Gerade hatte er fröstelnd das Gasthaus betreten und sich, ohne seine Jacke auszuziehen, hingesetzt. Irgendwo stand ein Heizstrahler, und zwei Männer im Blauzeug, das die Aufschrift eines deutschen Unternehmens trug, aßen Fleisch und Brot und tranken Bier dazu. Sie hatten Schirmkappen auf. Der eine redete, der andere nicht.

Hier liegen die Gasthäuser oft am Stadtrand, mit einem weitläufigen Parkplatz, einer Terrasse für den Sommer und einem großen, gemauerten Grill neben dem Eingang. Die Russen sagen, man soll einmal am Tag etwas mit einem Löffel essen, und das fand er richtig. Auch hier in Bosnien fragt man, wo es etwas zu löffeln gäbe, wenn man ein gutes Lokal sucht – und so hatte er es gemacht. Er hatte kurz an einer Ampel gehalten und zwei älteren Passantinnen diese Frage gestellt. Sie hatten ihm den Weg zu diesem Gasthaus gewiesen, das dann auch noch Moskva hieß. Er war also zugleich in Russland und in Bosnien & Herzegowina.

Der Kellner brachte eine große Schüssel mit Suppe. Einer reichhaltigen Suppe. Man konnte sich selbst mit dem Schöpflöffel bedienen. Der Teller war rund, die Suppe dampfte, und es gab, wie gesagt, ein Tischtuch. Ein Tischtuch macht den Unterschied. Abgesehen von groben Sünden wie eckigen Tellern, kleinen Suppenschüsseln oder aufdringlich designtem Besteck steigen die Chancen, sich wohl zu fühlen, wenn es ein Tischtuch gibt. Speziell dann, wenn es sich nicht um ein besonders feines Lokal handelt. Der Wirt signalisiert mit einem Tischtuch, dass er einen willkommen heißt, und mit einer solchen Suppe bekräftigt er es.

Die halbe Welt als Autostopper durchquert

Die Suppe wärmte ihn, und er schaute aus dem Fenster. Draußen an einer Bushaltestelle stand ein Autostopper – ein seltener Anblick heutzutage. Er trug eine schwarze Jacke, eine tief ins Gesicht gezogene Strickmütze und Jeans und schaute ihm seinerseits dabei zu, wie er drei Teller der heißen Suppe aß. Er ahnte, wie sich der Mann da draußen fühlen musste, hatte er doch selbst die halbe Welt als Autostopper durchquert. Heute erinnerte er sich weniger an das Warten und die Momente der Sinn- und Trostlosigkeit als an jene, wo Menschen ihm ihr Herz ausgeschüttet hatten oder gut zu ihm gewesen waren. Nicht, dass ihre Geschichten immer interessant gewesen wären, aber sie waren wie Tischtücher, wenn man frierend und erleichtert, dass das endlose Warten endlich ein Ende hatte, zu ihnen ins Auto gestiegen und dort willkommen war.

Er erinnerte sich an einen, der nur über die räuberische Polizei wetterte und Hundert-Schilling-Scheine in der Ablage neben dem Schalthebel gestapelt hatte, um diese Gauner immer gleich und ohne Umschweife bezahlen zu können. An einen Pendler, der ihm bei allen Gasthäusern, an denen sie vorbeikamen, genau beschrieb, was es dort gäbe und wie gut es sei. In eines lud er ihn dann zum Essen ein. Wieder ein anderer beschrieb ihm in allen Details, dass er ein Einbrecher wäre, und wo er wie einbrechen würde. Ob das stimmte oder nur Prahlerei war, war nicht auszumachen. Er behauptete sogar, einen Mord begangen zu haben. Das hatten ihm schon einige Menschen erzählt, und es wunderte ihn jedes Mal, warum man so etwas einem wildfremden Menschen anvertraut. Vielleicht aber genau nur einem Fremden. Ein Lastwagenfahrer hatte ihn einmal an einer Autobahn in Norditalien aufgelesen. Sie waren eine Weile schweigend durch die Nacht gefahren. Dann hatte der Mann eine Audiokassette eingelegt – ein Sexhörspiel rund um die Ausschweifungen einer Krankenschwester. Zuerst klang das unbeholfen und schlecht gespielt, aber dann wurde es geradezu besinnlich, als die Geschichte in ein Dauerstöhnen überging, das mit der dahinziehenden Autobahn einen meditativen Sog ergab. Gebetsmühlenartig und langsam immer schriller keuchte und schrie die Krankenschwester ihre gespielte Lust in die Nacht hinaus. Bald wurde es abstrakt. Ein tonales Kunstwerk.

Solcherlei würde der Mann da draußen wahrscheinlich nicht erleben. Er wollte wohl nur schnell nach Hause und hoffte, es würde ihn jemand mitnehmen, den er kannte, sodass er nicht noch länger auf den Bus warten musste. Sie würden über den bevorstehenden Festtag sprechen, der hier Slava heißt. Wenn sie aus dem gleichen Dorf stammten, würden sie einander vielleicht sogar besuchen und beim Essen zu Ehren ihrer Familienheiligen gemeinsam das Brot brechen. Oder sie würden nur zusammen ein Stück des Weges fahren.

Keine Lust mehr, weiterzufahren

Er beschloss, über Nacht in diesem Moskva zu bleiben. Er hatte keine Lust mehr, weiterzufahren, und wollte sich von diesem Gefühl, das ihm die Suppe und das Tischtuch beschert hatten, noch nicht trennen. Das Hotelzimmer war schlicht und überheizt, und er konnte die Busstation auch von seinem Fenster aus sehen. Er schlief eine Stunde, und als er wieder hinausschaute, war der Autostopper weg.

Am nächsten Tag nahm er den ersten Autostopper, den er sah, mit. Der Mann stoppte nicht im eigentlichen Sinn, sondern ging mit einer Einkaufstasche in der Hand den Straßenrand entlang, irgendwo zwischen zwei Dörfern. Er drehte sich immer nur kurz um, wenn ein Auto kam, und das war Signal genug, dass er mitgenommen werden wolle. Er sagte, dass er nur bis zum nächsten Asphalt, also bis zur nächsten befestigten Straße, müsse. Er schien nicht zu frieren, obwohl er nur eine leichte Lederjacke und eine dünne, speckige Hose trug, und war nicht an einem Gespräch interessiert, wie seine kurzen, auf das Nötigste reduzierten Antworten zu verstehen gaben. Also fuhren sie schweigend. Draußen gab es nicht viel: Felder, auf denen weißer Frost glitzerte, wo die Strahlen der Morgensonne durch den dichten Nebel drangen; ein Sägewerk an einer Wegkreuzung; und ein Denkmal, von dem man nur den roten Stern entfernt hatte, auf einem Dorfplatz. Er schaute den Mann aus den Augenwinkeln an und fragte sich, ob er ihm erzählen würde, dass er schon jemanden umgebracht hatte, wenn er denn schon jemanden umgebracht hätte. Wohl kaum. Es hätte den Mann auch nicht sehr berührt. Warum auch? Es bleibt immer abstrakt, wenn man so etwas erzählt bekommt. Er fragte ihn stattdessen, warum hier in Höfen oder am Rand der Felder oft Grabsteine stünden. Ob das wirklich Gräber seien oder nur Gedenksteine zur Erinnerung an die Toten. Der Mann erklärte, dass es hier üblich sei, die Toten dort zu begraben, wo sie gelebt und gearbeitet hätten. Außerdem sei der Weg zum nächsten Friedhof meist weit, und ein Grab dort würde viel Geld kosten. Aber heute sei das nicht mehr wirklich erlaubt. Meine Eltern liegen auf ihrem Feld, sagte er, aber mich werden sie dann wohl auf einem Friedhof eingraben.

Dann kam der Asphalt. (Michael Glawogger, derStandard.at, 28.12.2013)

  • "Der Mann erklärte, dass es hier üblich sei, die Toten dort zu begraben, wo sie gelebt und gearbeitet hätten."
    foto: michael glawogger

    "Der Mann erklärte, dass es hier üblich sei, die Toten dort zu begraben, wo sie gelebt und gearbeitet hätten."

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger (Megacities, Workingman's Death und Whores' Glory) ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Anderen Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger (Megacities, Workingman's Death und Whores' Glory) ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Anderen Bibliothek" erscheinen wird.

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