Was einmal war und heute ist

27. Dezember 2013, 17:32
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Viele Kunstwerke wurden restituiert, andere harren noch der Einigung: Der Jahreswechsel 1997/98 hatte die überfällige Wende eingeleitet

Aus Sicht der Familie Leopold ging das Jahr 1997 nicht allzu harmonisch zu Ende. Am 24. Dezember war in der New York Times ein Artikel erschienen, der eine Kettenreaktion in Gang setzte, die mitsamt darob entfachter Diskussionen sowie daraus resultierender Konsequenzen noch bis in die Gegenwart wirkt - und darüber hinaus. Aber der Reihe nach. Inhaltlich ging es um Bilder aus dem Fundus Rudolf Leopolds, die im Zuge der damals anberaumten Egon-Schiele-Retrospektive im Museum of Modern Art präsentiert wurden und denen die Autorin eine "schwierige Vergangenheit" attestierte. Denn sie stammten aus ehemals prominenten jüdischen Sammlungen, und die Besitzerwechsel während des nationalsozialistischen Regimes und danach bedurften der Klärung.

Es war nicht das erste Mal, dass die Raubzüge der Nazis Thema waren, und auch war der Begriff Raubkunst längst geläufig. Nur, diesmal stand Österreich im Mittelpunkt, ebenso ein unrühmliches Kapitel des Kunsthandels und seiner Profiteure, etwa auch Museen. Am 1. Jänner 1998 folgte der nächste Bericht, und darin erhoben zwei Familien Ansprüche auf zwei Schiele-Gemälde: Die tote Stadt einerseits und das Bildnis Wally andererseits.

Ausgerechnet in der Weihnachts- und der Neujahrsausgabe, resümierte Diethard Leopold "die Darstellung voll inkriminierender Mutmaßungen" rückblickend. Eine "bösartige Choreografie, die ihre Wirkung nicht verfehlte", erinnert er sich in der Biografie seines Vaters (2003, Holzhausen- Vlg.).

Denn am 7. Jänner wurden die seitens der New Yorker Staatsanwaltschaft als Diebsgut eingestuften Kunstwerke beschlagnahmt. Statt über das Gastspiel auf amerikanischem Territorium an Reputation zu gewinnen, drohte der Stiftung Leopold der Verlust selbiger. Nach der ersten Empörung übte sich die Familie bisweilen sogar in Zweckoptimismus, "Egon Schiele und das Leopold-Museum", betonte Elisabeth Leopold in einem Standard-Kommentar (28. Juli 1998), seien "gerade durch die Beschlagnahme in New York ziemlich populär geworden".

Washingtoner Erklärung 1998

Die damalige Ministerin Elisabeth Gehrer erteilte die Weisung zur Aufarbeitung der Bundesbestände in den Museen und Sammlungen, und die Kommission für Provenienzforschung begann ihre Arbeit. Zeitgleich stieg der mediale Druck, an vorderster Front der Standard: Mitte Februar entlarvte Thomas Trenkler am Beispiel des Falls Rothschild, wie sich die Republik Österreich auch noch in den Nachkriegsjahren bereicherte. Eine Woche später  startete Hubertus Czernin die Kunstraubserie, die den Verbleib jüdischer Sammlungen thematisierte. Im November verabschiedete der Nationalrat das Kunstrückgabegesetz, auf dessen Basis seither an die 50.000 Kunstwerke und -objekte restituiert wurden. 15 Jahre und eine Novellierung 2009 später ist es übrigens das weltweit einzige Gesetz dieser Art.

Andere Länder unterzeichneten die rechtlich nicht bindende Washingtoner Erklärung (Dezember 1998). Darin verpflichtete man sich, Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben zu finden und rasch die notwendigen Schritte zu unternehmen, um zu fairen und gerechten Lösungen zu gelangen. Die elf Grundsätze wurden in den 44 Ländern mit unterschiedlichen Regelungen, teils auch gar nicht umgesetzt, wie Eva Blimlinger 2008 bilanzierte (Wesentlich mehr Fälle als angenommen, Böhlau-Vlg., 2009).

Das Jahr 1998 hatte jedenfalls eine Zäsur beschert. Die Recherche der Geschichte und Herkunft eines Kunstwerkes gewann nicht nur an Bedeutung, sondern sollte auch außerhalb musealer Institutionen zu einer Notwendigkeit werden. Der Beruf des Provenienzforschers feierte seine Geburtsstunde.

1999 gründete Czernin einen eigenen Verlag, der per Konzept für "unbequeme" Themen sensibilisierte und prominente Fälle öffentlich machte: Die Fälschung - der Fall Bloch-Bauer (1999, Hubertus Czernin) oder Der Fall Rothschild - Chronik einer Enteignung (1999, Thomas Trenkler). "Bibliothek des Raubes" nennt sich diese Serie, in der 2003 ein 1440 Seiten starker Band erschien, der unter institutionellen ebenso wie unabhängigen Forschern bis heute als grundlegendes Nachschlagewerk fungiert.

Czernins ursprünglicher Plan war schlicht die Veröffentlichung in Archiven aufgefundener Dokumente gewesen. In "Was einmal war" wähnte er den passenden Titel, in drei bis sechs Wochen wollte man in den Druck gehen, erinnert sich Sophie Lillie.

Es kam anders. Nach zwei Jahren akribischer Recherche hatte die Autorin einen Querschnitt von 148 Sammlungsgeschichten rekonstruiert und wurde das Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens im Herbst 2003 präsentiert. Das Ergebnis war und ist eine objektive Dokumentation, die erstmals einen Blick hinter die Kulissen der "Maschinerie" warf: auf einen sich stets selbst kontrollierenden, systematischen und hochbürokratisierten Enteignungsapparat, der in der Gesamtwirtschaft als Subsystem seinen festen Platz hatte.

So individuell die Sammlungen von A wie Altmann bis Z wie Zuckerkandl auch ausgerichtet waren, die Chronik ihrer Entziehung und ihres Schicksals wiesen fatale Parallelen auf. Wiewohl nur in Deutsch verfasst, hatten sich innert drei Wochen 1000 Exemplare verkauft und mussten weitere gedruckt werden, zwischenzeitlich erschien die zweite Auflage. Denn: Obwohl viele der hier publizierten Kunstwerke seither restituiert wurden, gibt es viele Problemfälle, die noch einer Lösung bedürfen. Und längst sind Kunstwerke in einer bestimmten Qualitätsliga nur dann international verkäuflich, wenn sie über eine Herkunftsgeschichte verfügen, die jedweden Raubkunstverdachts entbehrt.

Abseits staatlich verordneter Provenienzforschung avancierte die Publikation schnell zu einer überaus relevanten Quelle, gerade wenn es um Kunstwerke ging, die sich mittlerweile in Privatbesitz befanden oder als verschollen galten. Das Art Loss Register (ALR), das laut eigenen Angaben über die weltweit größte Datenbank für verlorene oder gestohlene Kunstwerke verfügt (laut Website: 300.000 Einträge), übernahm - ohne Rückfrage bei Autorin oder Verlag und damit unter Verletzung des Urheberrechts - sämtliche hier identifizierten Objekte in sein System, wie der Standard 2007 öffentlich machte.

Zum besseren Verständnis: Das Privatunternehmen verdient sein Geld mit der Auffindung von Kunstwerken und kassiert einen am Schätzwert orientierten Finderlohn. Bei besonders fetten Brocken, etwa Ölgemälden von Gustav Klimt oder Egon Schiele, fallen Prämien in Millionenhöhe an. Kleinere Auktionshäuser und besonders der Kunsthandel, die sich keine eigene Provenienzforschung leisten, nutzen die ALR-Dienste, obwohl dort nur gefunden werden kann, was (irgendwie) registriert wurde.

Große Auktionshäuser, die über eigene Provenienzforschungsabteilungen verfügen, nutzen die Publikation nicht nur zum Check, sondern auch zum Aufspüren der Erben. Mit diesen trifft man vertragliche Vereinbarungen, die teils auch Rechercheleistungen inkludieren: Erfolgt eine Rückgabe, gelangt das Kunstgut ebendort zur Versteigerung.

Die Auktionsbranche profitierte wie kaum eine andere von den Restitutionen und tut es noch. Denn das Kunstwerk selbst kann nicht zerstückelt, der Erlös nach dem Erbschlüssel aber korrekt aufgeteilt werden. Abseits besonders lukrativer Fälle wie Rothschild (Christie's 1999: umgerechnet 1,2 Mrd. Schilling) oder Bloch-Bauer (Christie's 2006: knapp 193 Mio. Dollar für fünf Klimt-Gemälde), vergeht kein Jahr, in dem nicht irgendein ein restituiertes Objekt versteigert wird.

Lukratives Business

Von Jänner 2010 bis inklusive Juni 2013 schlug dieses Segment bei Christie's insgesamt mit brutto (inkl. Aufgeld) 117 Millionen und bei Sotheby's mit netto (exkl. Aufgeld) rund 92 Millionen Dollar zu Buche, im Dorotheum wiederum mit 336.420 Euro.

Diese nur sehr zögerlich von den Auktionshäusern bereitgestellten Zahlen inkludieren jedoch nicht hinter den Kulissen vermittelte Private Sales.

Was heute ist? Viele, aber längst nicht alle der von Sophie Lillie erfassten Kunstwerke wurden zwischenzeitlich an Erben restituiert. Jene, die sich in Privatbesitz befinden, sind eine Ausnahme geblieben. Denn mangels entsprechender Gesetzgebung bedürfen diese Fälle einer Einigung zwischen den derzeitigen Besitzern und den Nachfahren jüdischer Sammler.

Mal erfolgt eine Ablöse - dem Leopold-Museum war eingangs erwähnte Wally 2010 beispielsweise 19 Millionen Dollar wert -, mal wird das Kunstwerk verkauft und der Erlös geteilt.

So auch bei Klimts Wasserschlangen, bis 1938 in der Sammlung Steiner beheimatet: Bereits 1999 hatte Hubertus Czernin den NS-Propagandafilmregisseur Gustav Ucicky und nach dessen Tod 1961 seine Witwe als nachfolgende Besitzer entlarvt. Seit 2003 "ziert" das Gemälde das Was einmal war-Cover. Heuer rang sich die 91-jährige Ursula Ucicky zu einem Vergleich durch.

Das Bild wechselte über einen von Sotheby's-Privatverkauf den Besitzer und brachte den beiden Parteien jeweils stolze 56 Millionen Dollar. Bis Anfang September besaß die Witwe auch noch andere Klimt-Werke, die unter Raubkunstverdacht stehen. Diese wurden mittlerweile in einer eigens gegründeten Privatstiftung "geparkt" und sind derzeit Gegenstand von Verhandlungen. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 28./29.12.2013)

  • 1940 erwarb der NS-Regisseur Gustav Ucicky Gustav Klimts "Wasserschlangen" (vormals Slg. Steiner) ...
    foto: belvedere

    1940 erwarb der NS-Regisseur Gustav Ucicky Gustav Klimts "Wasserschlangen" (vormals Slg. Steiner) ...

  • ... und hängte sie in seine "Essecke". Ab 2003 zierte das Gemälde ein Buchcover, erst 2013 rang sich die Witwe die Einigung mit den Erben ab.
    foto: faksimile "alte und moderne kunst", 1957

    ... und hängte sie in seine "Essecke". Ab 2003 zierte das Gemälde ein Buchcover, erst 2013 rang sich die Witwe die Einigung mit den Erben ab.

  • 2003 erschien Sophie Lillies "Was einmal war - Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens": innert drei Wochen verkauften sich die ersten 1000 Exemplare und auch noch zehn Jahre später gilt es in der Provenienzforschung als Standardliteratur.
    foto: czernin verlag

    2003 erschien Sophie Lillies "Was einmal war - Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens": innert drei Wochen verkauften sich die ersten 1000 Exemplare und auch noch zehn Jahre später gilt es in der Provenienzforschung als Standardliteratur.

  • Ehemals schmückten Egon Schieles "Welke Sonnenblumen (Herbstsonne II)" die Sammlung Karl Grünwalds. Seit 1938 galt das Gemälde als verschollen bzw. womöglich zerstört. Im Herbst 2005 entdeckten es Christie's Experten in einer französischen Privatsammlung. Man einigte sich, das Bild gelangte im Juni 2006 in London zur Versteigerung und wechselte für umgerechnet 17,2 Millionen Euro den Besitzer.
    foto: christie's

    Ehemals schmückten Egon Schieles "Welke Sonnenblumen (Herbstsonne II)" die Sammlung Karl Grünwalds. Seit 1938 galt das Gemälde als verschollen bzw. womöglich zerstört. Im Herbst 2005 entdeckten es Christie's Experten in einer französischen Privatsammlung. Man einigte sich, das Bild gelangte im Juni 2006 in London zur Versteigerung und wechselte für umgerechnet 17,2 Millionen Euro den Besitzer.

  • Man musste nicht, aber man wollte: 2010 erfolgte in Österreich der allererste private Vergleich dieser Art.  
Bis 1939 war Gustav Klimts "Kirche in Cassone" Teil der Sammlung Amalie Redlichs, dann verlor sich die Spur. 1960 war es über einen Hotelier in den Besitz eines Grazer Privatsammlers gelangt. Dessen Sohn entschied sich zu einer Einigung mit dem Enkel Amalie Redlichs: das Bild wurde bei Sotheby's in London für 30,72 Millionen Euro versteigert, der Erlös (abzüglich Provision des Auktionshauses) wurde aufgeteilt.
    foto: sotheby's

    Man musste nicht, aber man wollte: 2010 erfolgte in Österreich der allererste private Vergleich dieser Art.  

    Bis 1939 war Gustav Klimts "Kirche in Cassone" Teil der Sammlung Amalie Redlichs, dann verlor sich die Spur. 1960 war es über einen Hotelier in den Besitz eines Grazer Privatsammlers gelangt. Dessen Sohn entschied sich zu einer Einigung mit dem Enkel Amalie Redlichs: das Bild wurde bei Sotheby's in London für 30,72 Millionen Euro versteigert, der Erlös (abzüglich Provision des Auktionshauses) wurde aufgeteilt.

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