Pyrotechnikexperten: "Selbstgebaute Kracher sind am gefährlichsten"

Interview30. Dezember 2013, 13:23
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Seit Anfang des Jahres ist der Verkauf von "Piraten" in Österreich illegal - Zwei Pyrotechnikexperten über Sicherheit von Raketen und warum es in Spanien knallen muss

Zu Silvester werden in Österreich jedes Jahr rund zehn Millionen Euro in den Himmel geschossen oder zur Explosion gebracht. Das Pyrotechnikgesetz und eine neue Europäische Norm regeln dabei die Handhabung und Überprüfung von Raketen und Knallkörpern. So dürfen seit Beginn des Jahres keine Blitzknallsätze, deren Spitzenlautstärken mehr als 120 Dezibel betragen, mehr verkauft werden. Dazu zählen unter anderem "Piraten"-Kracher.

Prinzipiell dürfen Raketen und andere pyrotechnische Utensilien österreichweit nicht im Ortsgebiet abgeschossen oder angezündet werden, sofern sie über die Kategorie F1 fallen. Zu dieser zählen unter anderem Wunderkerzen und Knallerbsen. Zu besonderen Anlässen - und dazu kann Silvester zählen - können die Behörden allerdings Ausnahmeregelungen erlassen.

Anlässlich des Jahreswechsels sprach Bianca Blei mit den Pyrotechnikexperten Arno Flecker, der für Sicherheitsüberprüfungen von Knallkörpern und Raketen zuständig ist, und Helmut Szagmeister, der für Austria Standards (ehemals Normungsinstitut) die Europäische Richtlinie für Österreich verhandelt hat.

derStandard.at: Können Sie sich noch an Ihr erstes Feuerwerk erinnern?

Flecker: Als kleiner Bub habe ich das erste gesehen. Abgeschossen habe ich mein erstes dann beim Kurs "Abbrennen von Feuerwerken der Klasse drei und vier" in den 1990er-Jahren.

Szagmeister: Für mich war als Kind das Abschlussfeuerwerk der Blumenmesse in Tulln der Höhepunkt des Jahres. Mit Anfang 30 habe ich dann mein erstes Feuerwerk für ein Jubiläum des FC Tulln abgeschossen.

derStandard.at: Würden Sie Ihren Kindern Silvesterkracher oder Raketen kaufen?

Flecker: Ja, weil ich an Feuerwerken prinzipiell nichts Schlechtes sehe. Man sollte das die Kinder allerdings nicht allein machen lassen. Zu Silvester schieße ich immer gemeinsam mit meinen Enkelkindern Raketen und Raketenbatterien ab.

Szagmeister: Die Frage ist, bis zu welchem Alter man "Kinder" definiert. Von Krachern und Raketen bin ich kein großer Fan, und auch meine Kinder haben keine Ambitionen, solche Knallartikel zu verwenden. Außerdem gibt es unkomplizierte und sichere Alternativen wie Verbundfeuerwerke, bei denen man nur einmal anzündet und sich die Batterie mit den Raketen nacheinander entlädt.

derStandard.at: Seit heuer ist der Verkauf von Krachern und Raketen mit einer Spitzenlautstärke von mehr als 120 Dezibel verboten. In das Verbot inkludiert sind etwa auch "Piraten". Der Besitz und die Verwendung sind noch bis 2017 legal. Warum dieses neue Pyrotechnikgesetz?

Flecker: Das Verbot ist sehr sinnvoll, da durch die großen Lautstärken Gehörschäden entstehen können. Viele wissen zudem nicht, dass das Werfen von Krachern prinzipiell überall verboten ist. Vor allem in Städten kommt es häufig vor, dass "Piraten" in Menschenmengen geworfen werden und es zu Verletzungen kommt. Wenn es diese Kracher nicht mehr zu kaufen gibt, dann können sie auch nicht mehr verwendet werden.

Szagmeister: Ich bin kein Freund von Knallern und finde, wir haben auf europäischer Ebene einen guten Kompromiss ausgearbeitet. In Deutschland sind Blitzknaller schon seit Jahren verboten, da die Sprengstoffmischung sehr gefährlich ist.

Nachdem die Übergangsfrist bis zur Umsetzung der Europäischen Norm bis 2017 dauert, wird es noch Zeit brauchen, bis man eine Veränderung zu Silvester bemerkt. Wenn die Produkte allerdings vom Markt verschwinden, wird auch in der Bevölkerung ein Umdenken einsetzen. Schließlich hoffe ich, dass durch die sinkende Nachfrage auch die Produktion von illegalen Knallern verschwindet. Aber auch das wird dauern, da jedes Land bis 2017 entscheiden kann, wann es die neue Europäische Norm einführt.

derStandard.at: Gab es während der Verhandlungen zur Europäischen Norm Differenzen zwischen den einzelnen Ländern?

Szagmeister: Was bei einem Feuerwerk wichtig ist, ist von Land zu Land unterschiedlich. In Spanien und Malta ist es eben sehr wichtig, dass es laut knallt. Die Knaller haben etwa bei Marienfesten einen hohen Stellenwert. Aber durch das Verbot wird es gezwungenermaßen zu einem Umdenken kommen müssen.

derStandard.at: Seit 2010 müssen Feuerwerkskörper, die in Österreich auf den Markt kommen, das CE-Zeichen aufweisen. Was wird bei einer Rakete überprüft, bevor sie die Sicherheitskennzeichnung "CE" erhält?

Flecker: Bei Knallern und Raketen wird in vorgeschriebenen Abständen die Lautstärke gemessen, bei Raketen außerdem die Steighöhe. Sie müssen in der Klasse eins bis drei auf mindestens 30 Meter steigen können. Klasse vier darf nur von ausgebildeten Personen gezündet werden. In dieser Kategorie werden unter anderem auch die Effektweiten geprüft, damit die Pyrotechniker die Sicherheitsabstände bemessen können.

derStandard.at: Welche Auswirkungen können Raketen und Knallkörper haben, die nicht den Sicherheitsstandards genügen?

Flecker: Am gefährlichsten sind selbstgebaute Kracher, die vielleicht auch noch in Blechdosen oder Milchkannen gebaut werden. Da kann es bei der Explosion zu scharfen Absplitterungen kommen. Ich selbst habe so etwas aber zum Glück noch nie gesehen und hoffe, dass ich es nie sehen muss.

derStandard.at: Sind Feuerwerke noch etwas Besonderes für Sie?

Flecker: Es gibt immer noch Dinge, die ich nicht gesehen habe. Heuer war ich etwa in China und habe mir angesehen, wie Smileys und Figuren in den Himmel geschossen werden. Das ist für mich auch nicht selbstverständlich. Während der Arbeit bestaune ich auch nicht die Effekte, sondern prüfe die Sicherheit. Natürlich sieht man in den Himmel aber nicht wegen des Erlebnisses.

Szagmeister: Feuerwerke sind jedes Mal etwas Besonderes, vor allem wenn wir für unsere Kunden etwas Individuelles zusammenstellen und man dann sieht, wie es funktioniert und die Leute reagieren. (Bianca Blei, derStandard.at, 30.12.2013)

Zu den Personen:

Arno Flecker ist leitender Mitarbeiter der Prüf- und Inspektionsstelle Plaschke & Co OG, die CE-Zulassungen für pyrotechnische Gegenstände durchführt. Flecker arbeitete nach seiner Ausbildung zum Chemotechniker als Produktionsleiter in einer Sprengstoff- und Pyrotechnikfirma und ist seit 2006 selbstständiger Berater und betreibt ein Ingenieurbüro für technische Chemie- und Pyrotechnik sowie Sprengstoff.

Helmut Szagmeister ist Geschäftsführer von Flash Fireworks in Tulln, die Feuerwerke zusammenstellen und pyrotechnische Artikel verkaufen. Szagmeister ist außerdem Vorsitzender der Gruppe für Pyrotechnik und Sprengmittel bei Austrian Standards. Bei der Wirtschafskammer Niederösterreich ist er zudem Experte für den Bereich Pyrotechnik. Hauptberuflich ist Szagmeister beim Entschärfungsdienst und unter anderem für die Pyrotechnik betreffenden Beschlagnahmungen und Vernichtungen in Österreich zuständig.

  • Beim falschen Umgang mit Feuerwerkskörpern können große Gefahren entstehen. Im Bild: Die Hamburger Feuerwehr demonstriert die Sprengkraft von Knallern an einer Puppe.
    foto: dpa/daniel bockwoldt

    Beim falschen Umgang mit Feuerwerkskörpern können große Gefahren entstehen. Im Bild: Die Hamburger Feuerwehr demonstriert die Sprengkraft von Knallern an einer Puppe.

  • Helmut Szagmeister verhandelte für Österreich die neue Europäische Norm mit.
    foto: privat

    Helmut Szagmeister verhandelte für Österreich die neue Europäische Norm mit.

  • Arno Flecker prüft Raketen und Knaller auf ihre Sicherheit.
    foto: privat

    Arno Flecker prüft Raketen und Knaller auf ihre Sicherheit.

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